Wutanfälle bei Kleinkindern

Es ist einer dieser gefürchteten Momente: Du bist mit deinem Kleinkind unterwegs, irgendwo in der Stadt, vielleicht an einem öffentlichen Platz, in einem Kaufhaus oder in der S-Bahn. Ihr habt schon eine ganze Menge zusammen erlebt an diesem Tag. Und dann passiert es. Von einer Sekunde auf die andere wirft sich dein Kind wütend auf den Boden, strampelt mit Armen und Beinen, brüllt aus Leibeskräften und lässt sich einfach nicht beruhigen.

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Kommt dir das bekannt vor?

Instinktiv ist meine erste Frage immer: „Was habe ich denn jetzt bloß falsch gemacht?“ Manchmal ist diese Frage berechtigt, manchmal aber auch nicht.

Kleinkinder sind oft schon so groß. Sie beginnen zu sprechen, sie ziehen sich alleine an, sie essen allein, sie brauchen keine Windeln mehr, sie können schon weite Strecken zu Fuß laufen. Gleichzeitig sind sie aber auch noch so klein. Sie brauchen unsere Nähe und Unterstützung, unseren Schutz und unser Verständnis. Sie lernen jeden Tag dazu. Neue Wörter, neue motorische Fähigkeiten, soziale Kompetenzen. Und sie erleben jeden Tag wahnsinnig viel. Gleichzeitig steigen (oft unbewusst) auch unsere Erwartungen an sie und an ihr Verhalten – und auch die Erwartungen unserer Umwelt.

Unsere Kinder verarbeiten all das erstaunlich gut, aber hin und wieder (und manchmal auch öfter) macht sich eben auch Frust breit. Zum Beispiel weil sie an Grenzen stoßen – unsere Grenzen, die Grenzen anderer Mitmenschen, vielleicht auch ihre eigenen Grenzen. Das frustriert. Auch uns frustrieren solche Erfahrungen. Wir gehen nur anders damit um. Und oft erwarten wir das auch von unseren Kindern. Weil es anstrengend ist. Und manchmal auch unangenehm.

Wutanfälle gehören zur Entwicklung dazu

Aber Kleinkinder KÖNNEN noch gar nicht anders reagieren. In ihren Köpfen entstehen jeden Tag eine ganze Reihe neuer neuronaler Verbindungen und Vernüpfungen – dennoch ist all das noch im Werden, sie befinden sich in einem enormen Entwicklungsprozess, der aber noch nicht abgeschlossen ist.

Das bedeutet, dass all das Neue, was unsere Kinder heute, gestern und vorgestern gelernt haben noch gar nicht mit dem Neuen verbunden ist, was sie vor einer Woche und vor einem Monat gelernt haben. Geschweige denn mit dem, was sie bereits vor einem halben Jahr gelernt haben. Diese Verbindungen im Gehirn entstehen erst, sie sind noch nicht da. Und deshalb fällt es kleinen Kindern noch sehr schwer, sich selbst zu regulieren und ihre Impulse zu kontrollieren.

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Das ist nur bedingt eine Trainingsfrage, in erster Linie ist es eine Entwicklungsfrage

Wir können die Wutanfälle unserer Kleinkinder nicht verhindern. Und das müssen wir auch nicht, denn sie gehören dazu und sie sind sogar wichtig: Wenn wir es schaffen unsere Kinder liebevoll durch einen Wutanfall zu begleiten, lernen sie allmählich mit ihrem Frust umzugehen.

Deshalb fordern uns die Wutanfälle unserer Kleinkinder in erster Linie zu zwei Dingen auf: Wir müssen sie aushalten und wir müssen unsere Kinder liebevoll begleiten. Nein, das ist nicht leicht. Das ist sogar richtig schwer. Aber es gehört dazu. Ein wütendes Kleinkind hat das Recht wütend zu sein. Es darf seine Wut herausbrüllen und sollte dafür nicht bestraft werden.

Wichtig ist, dass wir in diesen Situationen bei unseren Kindern bleiben. Oft möchten sie nicht direkt bei uns sein (auf dem Arm oder auf dem Schoß), das ist OK. Aber wir sollten in Sichtweite bleiben und unser Kind immer mal wieder ruhig und freundlich ansprechen. Wir könnten zum Beispiel fragen, ob wir es mal in den Arm nehmen dürfen. Am Anfang werden unsere Kinder das vermutlich abwehren. Aber irgendwann werden sie es dankbar annehmen.

Und dann ist die Wut auch schon fast vorbei.

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