Und manchmal bin ich genervt

Ich habe großartige Kinder. Ich freue mich sehr jeden Tag viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. Ich bin überzeugt von Attachment Parenting und versuche viel Verständnis für sie aufzubringen. Mich in sie hinein zu versetzen. Ihre Perspektive einzunehmen.

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Aber manchmal bin ich genervt

Von meinen Kindern. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Artikel geschrieben werden muss – denn auf anderen Attachment Parenting Blogs lese ich immer wieder, wie viel Verständnis und Geduld ich für meine Kinder aufbringen muss. Und das stimmt auch. Aber irgendwie lese ich nur selten, dass auch andere bedürfnisorientierte Eltern manchmal von ihren Kindern genervt sind.

Und dass das nicht per se schlimm ist.

Es gibt ganz verschiedene Situationen, in denen meine Schmerzgrenze irgendwann erreicht ist. Am häufigsten sind das Konflikte zwischen meinen Kindern, die große Warum-Frage und die Tatsache, dass kleine Kinder sehr fordernd sein können.

Konflikte zwischen den Kindern

Konflikte sind normal und sogar wichtig. Sie gehören zum Leben dazu und im Idealfall lernen wir im Laufe unseres Lebens, gut mit ihnen umzugehen. Kleine Kinder tragen oft tagtäglich eine Vielzahl kleinerer und größerer Konflikte aus – und dass auf ganz unterschiedliche Weise. Sie verhandeln, sie weinen oder brüllen, sie werfen mit Gegenständen oder beißen, kratzen, hauen, etc.

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Kleine Kinder sind nicht böse, wenn sie sich so verhalten – sie haben ihre Emotionen noch nicht so gut im Griff wie die meisten Erwachsenen. Sie haben noch nicht das gleiche Verhandlungsgeschick und vor allem nicht die gleichen verbalen Fähigkeiten wie Erwachsene. Und ihre Impulskontrolle ist erst dabei sich auszubilden.

Verständnis für Konflikte

Ich verbringe viel Zeit jeden Tag damit, bei Konflikten zuzuhören, Lösungsvorschläge zu machen, mich rechtzeitig zurück zu ziehen. Ich übe mich darin, diese Konflikte auszuhalten und nicht sofort einzugreifen, sondern erst dann, wenn meine Kinder mich wirklich brauchen. Und ich habe Verständnis für ihre Wut und ihren Frust.

Aber ich habe auch Verständnis für meine eigenen Grenzen – denn hin und wieder scheinen ganze Tage nur aus Konflikten zu bestehen. Wenn alle zehn Minuten mindestens ein Kind brüllt, Spielzeug durchs Haus geworfen, Bücher zerrissen und Bauklotz-Kunstwerke zerstört werden, wenn Kratzer und blaue Flecken in Kindergesichter gezaubert und ausgerissene Haarbüschel im Kinderzimmer verteilt werden – dann bin ich genervt.

Die große Warum-Frage

Kleine Kinder entdecken die Welt und mindestens ebenso spannend wie es für sie selbst ist, ist es auch für mich als Mutter. Und es tauchen so viele Fragen auf. Warum tust du in den Kuchenteig Hefe und in den Brot-Teig Sauerteig, Mama? Warum jagt die Katze im Garten gerade eine Maus? Warum können Pflanzen essen, obwohl sie keinen Mund haben? Warum ist die Uhr stehen geblieben?

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So viele so große Fragen. Und irgendwie genieße ich dieses Frage-Alter. Es ist faszinierend einen Einblick in diese großen, nachdenklichen Kinderköpfe zu gewinnen. Es ist spannend, aus einer ganz anderen Perspektive über Fragen nachzudenken. Sich selbst zu hinterfragen.

Wenn die Fragestunde so gar nicht enden will…

Und trotzdem bin ich manchmal genervt von all den großen, wichtigen Fragen. Obwohl ich weiß, dass meine Kinder mich weder ärgern noch testen wollen. Ein Beispiel:

„Warum gehst du jetzt in die Küche, Mama?“

„Weil ich kochen möchte.“

„Warum möchtest du kochen?“

„Es ist gleich Mittag und ich möchte das Mittagessen fertig machen. Wir werden bestimmt gleich hungrig.“

„Warum werden wir hungrig?“
„Weil es schon eine ganze Weile her ist, dass wir zuletzt gegessen haben.“

„Warum ist das schon eine ganze Weile her?“

„Wir haben zwischendurch ganz viele andere Dinge getan. Ihr habt gespielt, ich habe aufgeräumt, sauber gemacht und die Waschmaschine angestellt.“

„Warum haben wir das alles gemacht?“

Jede einzelne Frage ist berechtigt. Jede einzelne Frage ist wunderbar. Warum also bin ich genervt? Ich glaube, es ist einfach die Flut an Fragen, die gar nicht mehr enden will. Die Kraft kostet.

Von fordernden Kindern und dringend benötigten Pausen

„Mama! Ich will Tee trinken!“ „Mama! Ich muss mal!“ „Mama! Ich hab Hunger!“ „Mama! Kannst du mir ein Schaf malen?“ „Mama! Kannst du mir das Buch vorlesen?“

Nur wenige Minuten zuvor habe ich gefragt, ob meine Kinder irgendetwas brauchen. Ob ich noch irgendetwas für sie tun soll, bevor ich mich auf’s Sofa setze und eine Pause mache. „Nein, Mama!“ ertönte es fröhlich. Zwei Minuten später sieht es schon anders aus.

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Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Ihre Empathiefähigkeit ist erst dabei sich auszubilden. Sie sind noch zu klein, um zu sehen, dass ich gerade eine Pause brauche. Weil es anstrengend ist, sich hochschwanger um zwei kleine Kinder und den Haushalt zu kümmern. Weil ich vielleicht Kopfschmerzen oder geschwollene Füße habe.

Bedürfnisse aufschieben funktioniert nur bedingt

Je kleiner ein Kind ist, desto weniger kann es Bedürfnisse aufschieben. Ein Neugeborenes kann nicht warten, bis ich Zeit habe, mich um seine Bedürfnisse zu kümmern. Es braucht mich sofort. Auch ein Kleinkind oder ein Kind im Kindergarten-Alter kann seine Bedürfnisse noch nicht lange aufschieben. Und auch nicht lange vorhersehen.

Vor zwei Minuten hatte es eben noch keinen Hunger oder Durst. Und dass es auf Toilette muss, war meinem Kind vor zwei Minuten eben auch noch nicht klar. Das ist kein böser Wille.

Und trotzdem ist es auch für mich anstrengend, eben keine Pause machen zu können, wenn ich sie dringend brauchen würde. Es kostet Kraft, viel Kraft, jederzeit für die Bedürfnisse meiner kleinen, sehr fordernden Kinder da zu sein. So gern ich es tue. Ich bin trotzdem manchmal genervt.

Vom Umgang mit den eigenen Grenzen

Ich glaube nicht, dass das Genervt-Sein an sich ein Problem ist. Es ist vielmehr ein Warnzeichen an uns selbst: „Vorsicht! Du gehst über deine Grenzen! Pass auf dich auf!“ Das ist nicht immer möglich – ich weiß. Als Eltern gibt es für uns immer wieder Zeiten, in denen wir gar keine andere Wahl haben, als über unsere Grenzen zu gehen.

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Und trotzdem ist es gut, dass uns unser Körper warnt. Dass wir uns bewusst machen können, dass es so auf Dauer nicht funktionieren kann. Vielleicht können wir Termine absagen? Die Küche doch erst morgen aufräumen? Eine Freundin oder die Patentante um Hilfe bitten?

Wenn alles so richtig doof war…

Normalerweise versuche ich mit meinen Kindern darüber zu sprechen, dass ich gerade genervt bin und dass es nicht ihre Schuld ist. Aber dann gibt es diese Momente, in denen ich so richtig doof reagiere. Wenn das eine dem anderen Kind schon wieder an den Haaren gezogen hat. Wenn schon wieder ein Buch zerrissen wurde. Wenn ich einfach mal ein paar Minuten auf dem Sofa sitzen möchte. Wenn das Glas doch herunter fällt und kaputt geht.

Und dann?

Dann versuche ich tief durch zu atmen, die Kinder in den Arm zu nehmen, mich zu entschuldigen – und Fünfe gerade sein zu lassen.

Wie geht ihr mit eurem Genervt-Sein um?

 

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6 Comment

  1. Reply
    Martha
    7. Oktober 2017 at 20:09

    Das kenne ich… Und was mir grad wieder einfiel: besonders aus den Schwangerschaften. Aus irgendeinem Grund (Hormone?) war ich in den Schwangerschaften besonders schnell genervt von meinen Kindern. Ich war ruhebedürftiger und lärmempfindlicher als sonst und grundsätzlich oft gereizt… Ich mochte mich selbst nicht richtig leiden. Vielleicht, weil man in dieser Zeit eigentlich wirklich mehr Ruhe bräuchte, als man bekommt, wenn man schon Kinder hat… Irgendwann wusste ich zumindest: Das wird wieder besser. Zwar hat man objektiv noch mehr zu tun, wenn das Baby da ist, aber irgendwie fand ich dann doch zu meiner eigentlichen Gelassenheit zurück. Ich finde es schön, wenn man sich bei seinen Kindern auch entschuldigen kann, wenn man überreagiert hat. Sie verzeihen ja auch so grozügig. Und wir haben so einen großen Gott, der auch freigiebig verzeiht und vergibt. Es ist einfach schön, immer weider neu anfangen zu dürfen… Ich wünsch dir eine gute Rest-Schwangerschaft 😉

    1. Reply
      Ida
      8. Oktober 2017 at 20:40

      Ich kann dir beipflichten: In der Schwangerschaft sind die Nerven irgendwie dünner. Und nach der Geburt wird es wieder besser. Das kenne ich auch!

      Und ich bin auch immer wieder beeindruckt davon, wie leicht meine Kinder mir meine Schwächen verzeihen können – so viel leichter als ich es selbst kann! Das ist so ein Geschenk.

  2. Reply
    Mama Maus
    8. Oktober 2017 at 10:11

    Hallo Ida,

    Ein ganz toller Text. Vielen Dank für deine ehrlichen Worte.

    Ich kenne sie auch diese Genervtheit, wenn alle Kinder streiten oder es nach einem Wutanfall in Dauergebrüll ausartet.
    Ähnlich wie du versuche ich so früh wie möglich die Warnzeichen zu erkennen. Meine Genervtheit zu bemerken, ehe ich ungerecht und laut werde. Dann versuche ich innerlich durchzuatmen und vielleicht sogar eine kurze Auszeit in einem ruhigen Zimmer zu nehmen. Das klappt nicht immer, aber immer öfter.

    Meiner Meinung nach müssen wir als Eltern auch nicht immer nur ruhig und gelassen reagieren. Schließlich sind wir keine Maschinen. Auch wir dürfen mal unseren Stress ablassen. Solange wir niemandem weh tun und uns anschließend auch ehrlich entschuldigen können, trägt das nur zu einer ausgewogenen ehrlichen Beziehung zu unseren Kindern bei. Sie verstehen viel früher als wir Ihnen zutrauen, dass wir auch Gefühle habe, dass wir nicht immer nur funktionieren können. Solange sie immer wissen, dass wir sie über alles lieben, sind wir trotzdem die besten Eltern.

    Viele Grüße
    Mama Maus

    1. Reply
      Ida
      8. Oktober 2017 at 20:43

      Nein, als Eltern müssen wir wirklich nicht perfekt sein. Und ich glaube, dass unsere Kinder das auch gar nicht von uns erwarten – es sind eher wir selbst, die diese Erwartung haben. Wie schrecklich wäre es tatsächlich, wenn wir perfekt wären. Wie groß wäre der Druck auf unsere Kinder.
      So können eben nicht nur wir selbst aus unseren Fehlern lernen, sondern unsere Kinder gleich mit!

      Danke für deinen Kommentar!

  3. Reply
    Corinne B.
    8. Oktober 2017 at 22:48

    Hallo Ida
    Danke für deinen tollen, ehrlichen Text. Manchmal denk ich echt, es ist nur bei uns so…
    Wenn ich nach einer unruhigen, kurzen Nacht morgens schon merke, dass ich schlecht gelaunt bin und kaum Nerven habe, hilft es mir, meine gesegnete Osterkerze mit einem kurzen Gebebt anzuzünden. Meist werde ich bald danach ruhiger und der Tag trotz Schlafmangel schön. Toll finde ich auch, dass unser Grosser (4,5) fragt, für wen ich die Kerze angezündet habe, und mich dann ganz fest umarmt.
    Liebe Grüße und viel Kraft für die Restkugelbauchzeit
    Corinne

    1. Reply
      Ida
      10. Oktober 2017 at 21:38

      Oh ja – beten hilft immer! Das stimmt.

      Und ich glaube tatsächlich, dass fast alle Eltern diese Gereiztheit und Genervtheit kennen. Obwohl wir unsere Kinder so doll lieben und sie ganz wunderbar und großartig sind. Deshalb wollte ich mit diesem Text allen Eltern Mut machen – weil es nicht schlimm ist, sich manchmal so zu fühlen. Es gehört dazu. Entscheidend ist einfach wie wir damit umgehen.

      Und wie wir damit umgehen, wenn wir doof reagiert haben.

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