Lebensziel „sich wohlfühlen“ – eine kritische Betrachtung

„Wir möchten als Familie so zusammen leben, dass wir uns alle so wohl wie möglich fühlen!“ höre ich oft. Ganz besonders oft von Eltern, die sich am Attachment Parenting oder an bindungsorientierter Elternschaft orientieren. Und ich habe gar nichts dagegen einzuwenden. Oder fast nichts.

Sich wohlfühlen – ein Lebensinhalt?

Aber irgendwie kommt mir dann eben doch der eine oder andere kritische Gedanke – denn: Kann „Sich wohlfühlen“ ein Lebensinhalt sein? Kann das ein Lebensziel sein? Und was für eine Art Lebensziel wäre das?

Uns allen ist bewusst, dass wir uns selbstverständlich nicht ununterbrochen wohlfühlen können, dass es im Leben auch schwere Zeiten geben wird. Und ich glaube auch nicht, dass das irgendein Elternteil bestreiten möchte, dem „Wohlfühlen“ ein Lebensziel ist.

Was der christliche Glaube dazu sagt

Unser christlicher Glaube ist nicht unbedingt als Wohlfühl-Religion bekannt – Jesus weist uns immer wieder darauf hin, dass es nicht eben angenehm ist, ihm nachzufolgen:

Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

~ Lukas 9, 23

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In der Bibel lesen wir an vielen Stellen über das Leid – das Leid des Volkes Israel, das Leiden und Sterben Jesu, das Leid unseres Nächsten. Und auch über unser eigenes Leid. Denn Jesus ist sich sicher, dass wir allein aufgrund unseres Glaubens in dieser Welt leiden werden.

Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.

~ Johannes 17, 14

Leiden wird in der Bibel auch nicht unbedingt als negativ dargestellt – sondern als Weg, um im Glauben zu wachsen.

Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.

~ Matthäus 10, 38

Damit wendet sich Jesus nicht gegen das Wohlfühlen – aber es nimmt doch einen bemerkenswert geringen Raum ein.

Wahrheit und Wohlfühlen

Was mich allerdings in Bezug auf unsere „Kultur des Wohlfühlens“ am meisten beschäftigt, ist die Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wohlfühlen. Was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es eine absolute, objektive Wahrheit oder ist Wahrheit für jeden etwas anderes? Ist das für mich wahr, womit ich mich als Wahrheit wohlfühle?

Dann wäre Wahrheit subjektiv. Eigentlich beliebig. Ist das so? Da driften die Standpunkte wohl auseinander – denn einem anderen zu sagen: „Das ist nicht wahr, du siehst das falsch! Das, was du tust, ist nicht richtig.“ führt unweigerlich zu Konflikten. Und zu einem Ende des Wohlfühlens.

Wohlfühlen Glaube christlich katholisch AP Attachment Parenting

Immer wieder beobachte ich in den sozialen Netzwerken Diskussionen zwischen Eltern. Dabei geht es um ganz verschiedene Themen – Selbstbetreuung vs. Krippe/Kindergarten, Stillen vs. Flasche, Süßigkeitenkonsum regulieren vs. selbstbestimmt naschen, etc. Und immer wieder kommt es in diesen Diskussionen an einen bestimmten Punkt: Den Punkt, an dem sich zwei Lager bilden, die jeweils für ihre eigene Position kämpfen. Und den Punkt, an dem ein anderes Elternteil vorschlägt: „Können wir uns nicht einfach darauf einigen, dass wir alle unser Bestes geben? Dass irgendwie jeder Weg gut ist?“

Ist das so einfach?

Ist Wahrheit so beliebig? Vermutlich kommt es ganz stark auf die Thematik an – ob es eine absolute Wahrheit zum Thema Selbstbetreuung oder Krippe oder zum Thema Berufstätigkeit gibt, wage ich zu bezweifeln. Jede Familie ist anders, jede Lebenssituation. Und all das lässt sich so furchtbar schwer vergleichen. Weil eben alles Einzelfälle sind.

Aber gilt das generell – für das Thema Wahrheit? Aus christlicher Sicht natürlich nicht:

Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.

~ Johannes 17,17

Und da wird es dann kompliziert. Soll einfach jeder nach seiner Façon glücklich werden? Das ist der Punkt, an dem Glaube unbequem wird.

Wann ist Glaube gut?

Oft höre ich aus Gesprächen heraus: „Glaube ist dann gut, wenn er zu meinem Wohlbefinden beiträgt. Wenn er meine Beziehungen stärkt. Wenn er mir Trost ist. Wenn er das Leben einfacher macht.“ Und da ist er wieder, der Zusammenhang und auch der Konflikt zwischen Glaube und Wohlfühlen.

Aber was ist, wenn mein Glaube von mir fordert, Dinge anders zu machen als die Menschen um mich herum? Wenn mein Glaube mir sagt, dass jemand falsch handelt? Wenn meine Glaubensüberzeugungen in Konflikt stehen mit gesellschaftlichen Entwicklungen? Mit der „Lebenswirklichkeit“?

Wenn Glaube weh tut…

In meinem Umkreis gibt es eine ganze Reihe Menschen, die enttäuscht sind von ihrem Glauben. Oder von der Kirche. Oder beidem. Denn vermutlich geraten die meisten von uns irgendwann an einen Punkt, an dem unser Glaube unser Leben eben nicht angenehmer und einfacher macht – sondern das Gegenteil. Wir geraten an einen Punkt, an dem unser Glaube eben nicht mehr unser Wohlbefinden steigert, sondern wo wir in einen Konflikt geraten.

Vielleicht mit unseren Mitmenschen. Vielleicht auch mit uns selbst. Mit unseren Werten. Alle anderen tun das doch auch – warum sollte ich nicht genau so handeln? Soll ich mich jetzt für meinen Glauben ändern oder sich der Glaube oder die Kirche für mich? Vielleicht hadern wir mit Jesus an diesem Punkt und finden ihn hart und ungerecht. Er ist doch immerhin der, der der Ehebrecherin vergeben hat! (Johannes 7,53–8,11)

Aber wahrscheinlich verschließen wir dann die Augen davor, dass er ihr nicht einfach so vergeben hat – sondern nur verbunden mit der Forderung, sich zu ändern. Ganz so milde und verständnisvoll, wie wir Jesus gerne hätten, zeigt er sich nämlich gar nicht. Das wird auch deutlich, wenn er in Matthäus 7,6 davor warnt „Perlen vor die Säue“ zu werfen…

Wachstum im Glauben – und als Mensch

Oft gehen wir aus schweren Zeiten ganz verändert hervor. Irgendwie sind wir innerlich gewachsen. Wir wachsen an Konflikten in der Ehe, in Freundschaften, in der Familie – und auch an Konflikten mit dem eigenen Glauben. Gerade in schweren Zeiten.

Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass der christliche Glaube unbequem ist, dass er weh tun kann, dass er fordert. Und eben nicht nur unser Wohlbefinden steigert. Und vielleicht stellen wir fest, dass das gut so ist. Dass wir gerade daran wachsen. Dass wir daran reifen. Dass Glaube eben nicht nur gut ist, wenn er unser Leben einfacher und angenehmer macht.

Und wie ist das jetzt mit dem Wohlfühlen?

Ich wünsche mir sehr, dass sich alle Familienmitglieder in unserer Familie wohlfühlen. Dass sich Freunde und Gäste bei uns wohlfühlen. Ich möchte mich auch in meiner Ehe wohlfühlen und mit dem Leben, das wir leben. Und jedem anderen wünsche ich ebenfalls genau das.

Aber es ist nicht mein Lebensziel. Ich glaube, dass es Gutes und Schlechtes gibt – und ich glaube nicht, dass ich diesen Unterschied mit meinem persönlichen „Wohlfühlen“ als Kriterium erkennen kann. Ich glaube, dass es so etwas wie Wahrheit gibt – und dass sie sehr unbequem und auch sehr schmerzhaft sein kann. Aber dass es sich trotzdem lohnt, nach ihr zu streben. Auch wenn ich mich dabei immer mal wieder überhaupt nicht wohlfühlen werde.

Und ich glaube, dass ich als Mensch daran wachsen kann, wenn ich nicht in erster Linie nach Wohlbefinden strebe, sondern auch bereit bin zum Verzicht. Vielleicht sogar zum Opfer.

Wie seht ihr das?

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6 Comment

  1. Reply
    Martha
    16. September 2017 at 19:13

    Ich musste beim les n daran denken, dass wir manchmal bewusst unsere Komfortzone verlassen müssen… Der Raum, wo alles bekannt und bequem, eben zum Wohlfühlen ist… Es hat mit Loslassen zu tun und kann uns wachsen lassen… Ein sehr guter Beitrag! Liebe Grüße, Martha

    1. Reply
      Ida
      16. September 2017 at 20:59

      Danke, liebe Martha!
      Ich glaube, es hat auch viel mit Vertrauen zu tun – sich darauf einzulassen, aus der Komfortzone heraus zu gehen. Es ist beängstigend…
      Aber irgendwie auch befreiend!

  2. Reply
    Corinne B.
    16. September 2017 at 21:24

    Hallo Ida
    Spannender Artikel, regt zum Nachdenken an. Für mich gibt es kein Wachsen/ Vorwärtskommen/ Entwickeln in der Wohlfühlzone. Aber das ‚wieder möchten Wohlfühlen‘ kann ein Ziel sein.
    Wenn es mir gut geht, ich mich wohlfühle denke ich meist weniger an Gott, bete ich weniger intensiv, als wenn ich Hilfe und Unterstützung brauche. Da fühle ich mich Gott näher.
    Danke für den Artikel, gerne mehr davon.
    Liebe Grüße, Corinne

    1. Reply
      Ida
      17. September 2017 at 22:53

      Wie schön, dass dir der Artikel gefallen hat!
      Ich kenne das, was du beschreibst, von mir auch. Das ist ein Grund, warum ich diesen Text geschrieben habe.

      Ganz liebe Grüße
      Ida

  3. Reply
    Magda
    16. Oktober 2017 at 15:06

    Schöner Artikel!
    Ich habe da auch schon oft drüber nachgedacht. Besonders im Bezug auf den Gottesdienstbesuch am Sonntag.
    Ich glaube, dass es wichtig ist, da seine Komfortzone zu verlassen, auch wenn ich mich nicht mit der Anfangszeit, mit dem Priester oder mit „langweiliger“ Musik, mit schwierigen Texten und gegenüber Kindern intoleranten anderen Gläubigen wohlfühle.
    Gerade, weil ich möchte, dass meine Kinder im Glauben an Gott (auf)wachsen.

    1. Reply
      Ida
      20. Oktober 2017 at 21:15

      Danke für deine Gedanken!
      Es ist manchmal ganz schön schmerzhaft seine Komfortzone zu verlassen – aber irgendwie ist es eben auch so wichtig…

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