Kitafrei – Ein Trend gegen den Trend?

In den letzten Jahren ist viel über das Thema Betreuung, Bildung in der Kita, die Ausbildung von Erziehern, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz diskutiert und geschrieben worden. Ein klarer Trend ist erkennbar: Immer mehr Kinder gehen schon mit einem Jahr in die Kita. Immer mehr Mütter gehen nach einer kurzen Elternzeit wieder arbeiten.

Umso mehr überrascht das Phänomen „kitafrei“.

In letzter Zeit häufen sich Erfahrungsberichte und Artikel von Familien, die sich bewusst dazu entschieden haben ihre Kinder nicht, erstmal nicht oder nur mit deren ausdrücklicher Einwilligung in den Kindergarten zu schicken. Wir gehören auch dazu.

Wie kommt das?

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Es scheint als ob sich ein gewisser Trend gegen den Trend ausbildet. Eltern, die sich bewusst für mehr Zeit mit ihren Kindern, ein langsameres Leben, weniger Frühförderung, mehr Individualität und Freiheit und freieres Lernen ihrer Kinder entscheiden.

Für wen funktioniert kitafrei?

Das muss nicht für jede Familie funktionieren. Viele Kinder gehen gern in den Kindergarten, für andere Familien wäre ein kitafreies Leben aus finanziellen oder anderen Gründen gar nicht möglich. Kitafrei ist bestimmt nicht besser als seine Kinder in eine liebevolle, bindungsorientierte und freiheitliche Betreuung außerhalb der Familie zu geben.

Was kitafrei unserer Gesellschaft deutlich macht

Aber kitafrei zeigt etwas, das in unserer Gesellschaft momentan so unglaublich gern verschwiegen wird: Familien wünschen sich Wahlfreiheit. Sie wünschen sich echte Freiheit und möchten entscheiden können, was für ihre Familie das Beste ist. Momentan gehen staatliche und wirtschaftliche Bestrebungen in eine andere Richtung.

Die Wirtschaft braucht die Wirtschaftskraft von Frauen – aus diesem Grund wird mütterliche Berufstätigkeit als Emanzipation verkauft. Das Kind wird in diese Überlegungen eher weniger einbezogen. Oder es wird den Eltern vermittelt, dass sie allein gar nicht für ihr Kind sorgen könnten und es schleunigst in professionelle Hände abgeben sollten. Damit aus ihrem Kind auch etwas wird.

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Ich gehöre zu diesen professionellen Händen. Was ist also mit mir?

Gehöre ich jetzt zu den wenigen auserwählten Müttern, die tatsächlich für ihre Kinder sorgen können oder bin ich nur dann in der Lage Kinder zu erziehen, wenn das in einem professionellen Rahmen stattfinden? Wenn es sich ergo also nicht um meine eigenen Kinder handelt?

Ihr merkt: Dieser Gedanke hinkt.

Ich denke, dass kitafrei eine klare Botschaft an unsere Gesellschaft hat: Lasst uns doch als Gesellschaft mehr Freiheit wagen. Uns uns mehr Freiheit zutrauen. Viele Familien wünschen sich Kitas, weil diese ihren Bedürfnissen am ehesten entgegen kommen. Dann lasst uns doch dafür sorgen, dass diesen Familien gute Kitas zur Verfügung stehen. Kitas nämlich, in denen kindorientiert, liebevoll und bindungsorientiert gearbeitet wird.

Viele Familien sind unsicher, welches für sie der richtige Weg ist. Sie sehen sich widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt und wissen nicht so recht, wie sie den richtigen Weg für sich finden sollen. Lasst uns doch diesen Familien Unterstützung geben, bei der Suche und Wahl ihres Weges als Familie.

Viele Familien würden gern mehr Zeit miteinander verbringen. Einige können sich das leisten, andere verzichten dafür auf eine ganze Menge, wieder andere Familien können sich dieses Mehr an Zeit allerdings beim besten Willen nicht leisten. Lasst uns doch diesen Familien ihren gemeinsamen Weg ermöglichen.

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Und lasst uns als allererstes das Wohl unserer Kinder im Auge behalten.

Ich glaube, dass viele Kinder gern bei ihren Familien bleiben würden. Wenn das nicht möglich ist oder wenn die Kinder gern in den Kindergarten gehen, kann das allerdings auch ein bedürfnisorientierter Weg sein. Wenn er denn bedürfnisorientiert gestaltet wird.

Wie seht ihr das?

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16 Comment

  1. Reply
    Bianka
    22. Oktober 2016 at 10:32

    Oh ein sehr schöner Artikel! Auch für mich ist das gerade ganz wichtiges Thema…
    Unsere Tochter wird mit fast drei Jahren bald hier in den örtlichen Kindergarten gehen.
    Und was habe ich mir für Gedanken vorher gemacht: Möchte sie nicht vielleicht doch lieber bei mir und ihrem kleinen Bruder bleiben? Kann man dort richtig auf sie eingehen? Kann sie sich im Kiga frei entfalten?
    Tja und dann wollte sie Montag nach dem Vorgespräch partout nicht nach Hause…man oh man wie ihre Augen geleuchtet haben. Klar wird es auch mal doofe Tage geben, aber zurzeit fühlt sich die Entscheidung für sie richtig an:)

    Liebe Grüße
    Bianka

    1. Reply
      Ida
      23. Oktober 2016 at 21:26

      Das hört sich doch so an, als ob sie kindergartenreif ist. Ich hatte an diesem Wochenende ein sehr interessantes Gespräch mit einer Mutter (und Erzieherin) über das Thema Kindergartenreife (das ja leider im allgemeinen Diskurs oft so gar kein Thema ist…) und überlege einen Artikel darüber zu schreiben.
      Was meinst du? Soll ich?

  2. Reply
    Hanni
    23. Oktober 2016 at 11:53

    Liebe Ida,

    Danke für deinen Text! Ich stimme dir in weiten Teilen zu. Es geht um (echte) Wahlfreiheit für Familien!
    Ich würde aber gerne etwas ergänzen zur Sicht, dass mütterliche Berufstätigkeit nur von der Wirtschaft gewünscht wird.
    Meine (mütterliche) Berufstätigkeit hat fast ausschließlich den Sinn die finanzielle Verantwortung für die Familie zu teilen und meinem Mann zu ermöglichen mehr Zeit bzw. beinahe gleich viel Zeit mit den Kindern zu verbringen wie ich.
    Diese Sichtweise auf mütterliche Berufstätigkeit und kita vs. Kitafrei finde ich auch wichtig und erwähnenswert.

    Liebe Grüße
    Hanni

    1. Reply
      Ida
      23. Oktober 2016 at 21:29

      Oh, das habe ich bestimmt missverständlich formuliert: Ich denke nicht, dass mütterliche Berufstätigkeit ausschließlich politisch oder wirtschaftliche gewollt ist. Ich denke allerdings, dass Wirtschaft und Politik kein gesteigertes Interesse an einer echten Wahlfreiheit haben. Deswegen forcieren sie ein Familienmodell, das eben für ihre eigenen Interessen angenehm ist.
      Und einigen Familien kommt das auch entgegen – das ist ja auch gut. Anderen kommt es aber eben auch nicht entgegen.

      Ich denke eigentlich, dass diese Entscheidung von den Familien ganz frei gefällt werden sollte, ohne Einflussnahme aus Politik und Wirtschaft. Das wäre für mich Wahlfreiheit.
      Weißt du was ich meine?

  3. Reply
    Supersansa
    25. Oktober 2016 at 23:24

    Dazu möchte ich etwas ergänzen: in einer Elternzeitschrift las ich ein Umfrageergebnis: 66% der befragten Frauen glaubten, dass Einjährige am Besten zu hause betreut werden sollten; 33% der befragten Männer glaubten das; die meisten Männer waren der Ansicht, Einjährige sollten in Kitas betreut werden, um dort Sozialkompetenz zu lernen.
    Diesen ganzen Betreuung-für-Einjährige-Krempel als Goldstandard des Feminismus zu verkaufen, wie viele Feministinnen es tun, ist sowas von ironisch! Da übernehmen diese Feministinnen nämlich offenbar die Ansicht von Männern und vertreten nicht die Ansicht der meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen.

    Ich selbst habe einen Platz bei einer Tagesmutter für mein zweijähriges Kind gefunden. Aber eigentlich, wenn ich in mich hineinfühle, ist mir das noch zu früh und ich würde sie gern noch ein Jahr länger zuhause behalten. Vor 20 Jahren war in meinem Land üblich, dass Mütter 3 Jahre in Karenz gehen. Es war normal, Kleinkinder zuhause zu betreuen! Mittlerweile, dank der oh so weisen, vorausschauenden und keinesfalls lobbygesteuerten (Ironie aus!) Familienpolitik in Deutschland gilt das geradezu als abnormal. Ja, SO sieht Wahlfreiheit tatsächlich nicht aus….

    1. Reply
      Ida
      25. Oktober 2016 at 23:42

      Ich verstehe deine Wut. Uns begegnen ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Reaktionen. Manche lehnen unsere Entscheidung unsere Kinder erstmal zu Hause bleiben zu lassen ab und finden uns höchst merkwürdig. Andere sind ganz begeistert. Wieder andere sehen unseren Weg einfach als einen unter vielen an und manche finden ihn einfach nur normal.

      Uns ist mittlerweile ganz egal, was andere über unsere Entscheidung denken. Aber wir sind sehr traurig darüber, dass es keine echte Wahlfreiheit zu geben scheint…

      1. Reply
        Supersansa
        26. Oktober 2016 at 22:01

        Ich muss dazu sagen, dass mir nirgendwo unter Müttern abwertende Reaktionen untergekommen sind. Da scheint es in meinem Umfeld ein ernstes Bemühen zu sein, „Leben und leben zu lassen“. Da muss ich eine große Lanze für die Mütter brechen, die ja oft selbst als „Mütter-Mafia“ o.Ä. abgewertet werden.
        Wütend bin ich tatsächlich über die politischen Weichenstellungen, die, wie Du sagst, Wahlfreiheit nicht hergeben.

        1. Reply
          Ida
          27. Oktober 2016 at 20:57

          Das ist schön zu hören! Ich freue mich, wenn es in einigen „Mütter-Kreisen“ so ein unterstützendes Netzwerk gibt – ganz gleich, ob sich die Familie für Kita oder kitafrei, für ein klassisches Rollenmodell, 50:50, Vollzeit-Teilzeit oder was auch immer entschieden hat. Beziehungsweise entscheiden KONNTE.

          Mir ist bisher beides begegnet. Ich hoffe, dass die sich gegenseitig unterstützende Variante häufiger ist. Und ich hoffe, dass ich mit meinem Blog etwas dazu beitragen kann.

          Denn wir brauchen als Eltern keinen Wettkampf und keinen Leistungsdruck, wir brauchen Unterstützung.

  4. Reply
    Jule
    26. Januar 2017 at 13:45

    Hallo Ida!
    Wir sind derzeit auch Kitafrei (naja meine Tochter ist noch so klein das man da eh eher von Krippenfrei sprechen muss) und ich finde es ganz wunderbar das ich soviel Zeit mit ihr verbringen kann.
    Du hast 2 Kinder oder? Wie weit sind die vom Alter auseinander und war das für dich am Anfang sehr schwer beide,, unter einen Hut“ zu bringen? 😉
    Gerade wenn man sehr bedürfnissorientiert ist stelle ich mir das momentan irgendwie noch sehr schwierig vor… Ich hätte da irgendwie Sorge das ich einem Kind nicht gerecht werden könnte… Wir wünschen uns auch mindestens 3 Kinder.. Wie war das bei euch?
    Liebe Grüße Jule

    1. Reply
      Ida
      26. Januar 2017 at 20:58

      Unsere Kinder sind nur anderthalb Jahre auseinander und es war tatsächlich leichter als gedacht, sie unter einen Hut zu bringen. Anstrengend (das ist es z.T. heute noch), aber doch einfacher als befürchtet.
      Ich hatte auch Sorge, ob ich beiden Kindern gerecht werden kann – und ich glaube, man wird einfach nicht immer beiden gerecht. Man wird ja auch einem einzelnen Kind nicht immer gerecht. Und ich glaube, dass das gar nicht unbedingt das Problem ist. Zum Problem wird es erst, wenn das sehr oft der Fall ist oder wenn ein Kind deutlich mehr zurück stecken muss als das andere.
      Was ich unterschätzt habe ist, wie sehr sich Kinder aneinander freuen – und das schon ganz früh. Und das hat mich dann ganz positiv geerdet, denn es war für mich deutlich schwerer zu akzeptieren, dass die Kinder manchmal einfach warten müssen, als für die Kinder selbst. Die Freude an einander, über einander und miteinander überwiegt bei unseren Kindern, auch wenn sie natürlich manchmal frustriert sind.
      Ich glaube, dass Kinder sehr davon profitieren, wenn sie die Möglichkeit haben mit Geschwistern aufzuwachsen. Zumindest habe ich bei unseren den Eindruck und dieser Gedanke „Oh nein, jetzt hat mein Kind mich ja nicht mehr für sich allein!“ (den ich sehr gut kenne), der ist zugegebenermaßen sehr deutsch. 😉 In anderen Kulturen gilt das gar nicht unbedingt als so erstrebenswert und ich stelle fest, dass es unseren Kindern schon ausreicht, wenn sie immer mal wieder Eins-zu-Eins-Zeit mit einem Elternteil allein haben. Denn sie genießen die Familie als größere Gruppe schon sehr.

      Konnte ich dir weiter helfen?

      Ganz liebe Grüße
      Ida

      1. Reply
        Jule
        28. Januar 2017 at 16:13

        Hallo Ida!
        Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Das ist ja ein wirklich kleiner altersabstand bei euch. Schön das ihr trotzdem gut zurecht kommt, auch ohne Kita. Man kennt es einfach nicht mehr… Also es ist mittlerweile normal geworden, dass das ältere Kind dann schon in die Kita geht und das Baby Mama dann in der Zeit sozusagen für sich alleine hat 😉 Man sieht kaum Familien wo das anders ist, aber ich ja schön das es da das Internet gibt um sich auszutauschen 😀
        Wir sind ab Sommer auch ein bisschen über weil da alle Krabbelfreunde meiner Tochter in die Kita gehen werden. Mal schauen wie es dann so wird.. Im Moment bin ich von Kitafrei total begeistert, weil es so richtig und natürlich anfühlt, aber ich glaube das es mit den Jahren schwieriger wird.. Man bleibt halt wirklich über.
        Liebe Grüße Jule

        1. Reply
          Ida
          29. Januar 2017 at 15:34

          Das mit dem „über sein“ ist halt mit mehreren Kindern dann nicht mehr so relevant – weil die Kinder sich ja gegenseitig zum Spielen haben. Vielleicht gibt es zusätzlich noch eine Spielgruppe, wo die Kinder ein oder zwei Mal die Woche tagsüber mit anderen Kindern spielen können. Und auch auf dem Spielplatz ist eigentlich immer irgendein Kind, das gern mit spielt.
          Es gibt aber auch im Internet Netzwerke, wo sich kindergartenfreie Familien finden können.

  5. Reply
    Lena
    9. März 2017 at 20:51

    Wow, ich bin gerade so froh dieses Seite gefunden zu haben denn ich fühle mich in meinem Umfeld teileeideweise wie eine Auserirdische weil unsere fast 4 jährige Tochter noch nicht in den Kindergarten geht. Wir haben es letztes Jahr versucht und es hat ihr absolut nicht gefallen. Also habe ich sie wieder abgemeldet. Da ich mit dem kleinen Bruder noch drei Jahre zuhause bin war das für uns Gott sei dank kein Problem aber die Komentare von allen möglichen Seiten….es ist unfassbar was ich teilweise zu hören kriege. Und so freue ich mich echt nun durch Zufall hier gelandet zu sein 🙂 Vielen Dank

    1. Reply
      Ida
      12. März 2017 at 22:49

      Ich freue mich, wenn ich dich ermutigen kann!
      Und ich kenne das, was du beschreibst: Dass man mit seinem Lebensweg so allein da steht. Mittlerweile habe ich in meinem Umfeld zum Glück eine ganze Reihe anderer Familien, die ähnliche Entscheidungen treffen wie wir. Das ist so bestärkend!

  6. Reply
    Cornelia
    3. April 2017 at 14:16

    Liebe Ida,
    ich bin froh zu lesen, dass es auch andere gibt, die so denken wie ich. Als ich meinen anderthalb Jahre alten Sohn zur Tagesmutter brachte, fühlte sich das nicht gut an. Mir kam es grotesk vor, ihn zu einer Fremden in Obhut zu geben, damit ich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehe.
    Als unser Sohn drei war, bekam er ein Brüderchen, und er war das erste Halbjahr mit zu Hause. Nun geht er seit einem halben Jahr in die Kita, und jeden Morgen fragt er „Habe ich heute frei?“ So hadere ich Tag für Tag, zumal ich selbst mich mit der Kita nicht wohl fühle.
    Noch fehlt mir der Mut, die Kinder endgültig zu Hause zu betreuen. Aber ich fühle, dass es natürlich und gut wäre.

    1. Reply
      Ida
      3. April 2017 at 22:38

      Liebe Cornelia,
      ich höre immer wieder von Lesern, dass sie ganz erleichtert sind zu lesen, dass es auch noch andere Kinder gibt, die nicht in den Kindergarten gehen! Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit meinen Texten anderen Eltern Mut machen kann.

      Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Mut für die Situation, in der du gerade steckst!

      Ganz liebe Grüße
      Ida

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