Ist Erziehung wirklich Gewalt?

Immer wieder taucht in Diskussionen der Satz auf „Erziehung ist Gewalt!“ – vor kurzem hatte ich einen kurzen Austausch mit Lisa zu dem Thema. Und auch Aida äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Beide Bloggerinnen argumentieren sorgfältig, informiert und sachlich. Und trotzdem überzeugen sie mich nicht.

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Was ist denn eigentlich Erziehung?

Ich glaube, dass genau diese Frage der springende Punkt ist. Denn es gibt keine einheitliche, wissenschaftlich-verbindliche Definition des Begriffes „Erziehung“. In meinen vier Jahren an der Uni habe ich wahrscheinlich kaum etwas mehr diskutiert als diesen blöden Erziehungsbegriff. Und wir sind zu keinem gemeinsamen Ergebnis gekommen.

Es gibt eine ganze Reihe verschiedener Arbeitsdefinitionen einzelner Wissenschaftler und einige davon lassen sich durchaus als zumindest Gewalt billigend verstehen. Aber das sind die Haltungen einzelner Wissenschaftler und keine allgemeingültige Begriffsdefinition.

Ein Abstecher in die Erziehungswissenschaft

Die Erziehungswissenschaft baut ihr theoretisches Gerüst auf drei Grundbegriffen auf: Erziehung, Bildung, Sozialisation. Sie voneinander abzugrenzen, ist eine Wissenschaft für sich. Denn alle drei Begriffe überschneiden sich inhaltlich und lösen für wissenschaftliche Verhältnisse ein ziemliches Durcheinander aus.

Sozialisation ist ein nicht-gesteuerter, aber auch nicht passiver Prozess, der sozusagen „einfach passiert“. Sozialisation lässt sich also gar nicht verhindern, weil unser Umfeld und das, was wir erleben, uns eben nachhaltig prägt.

Bildung ist vielleicht der unschärfste dieser drei Begriffe – gerade in den letzten Jahrzehnten wird Bildung vor allem als kognitiver Prozess verstanden. In vergangenen Jahrhunderten (v.a. im deutschen Idealismus) wurde er deutlich ganzheitlicher diskutiert. Bildung war also nicht bloß Wissenserwerb oder die Aneignung verschiedener Kompetenzen, sondern auch Persönlichkeitsbildung. Und da überschneiden sich Sozialisation und Bildung ganz stark.

Erziehung ist im Gegensatz zur Sozialisation ein gesteuerter Prozess. Erziehung passiert also nicht einfach so, sondern ist immer ein „intentionales Handeln“. Und dieses Handeln wird unter anderem geleitet von Erziehungszielen und Erziehungsmethoden.

Und was heißt das jetzt praktisch?

Erst einmal heißt das, dass keiner dieser drei Begriffe ohne die anderen existiert. Sie überschneiden einander und greifen auch ineinander. Wer auf Erziehung verzichten möchte, müsste somit ausschließlich auf Sozialisation und Bildung zurückgreifen – und müsste damit auf jegliche Steuerung und jegliches „intentionales Handeln“ verzichten.

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Das würde bedeuten, dass wir nicht nur auf die oben erwähnten Erziehungsmethoden verzichten, sondern auch auf Erziehungsziele – denn diese sind ja eben auch Teil von Erziehung. Und die Aussage ist ja auch nicht „Erziehungsmethoden können Gewalt sein“, sondern „Erziehung ist Gewalt“. Also alle Aspekte, die zur Erziehung dazu gehören.

Was sind denn Erziehungsziele?

Es gibt hunderte Erziehungsziele. Tausende. Vielleicht unendlich viele. Sie sind so unterschiedlich wie wir Menschen eben unterschiedlich sind. In unserer Gesellschaft stehen vor allem Ziele wie Toleranz, Weltoffenheit, Dialogfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Kreativität, etc. hoch im Kurs.

Durch reine Sozialisation werden diese nicht erreicht, denn Sozialisation ist nicht zielorientiert. Nicht steuerbar. Und durch Bildung allein werden diese Eigenschaften ebenfalls nicht entwickelt, da es sich hier nicht in erster Linie um Bildungs-, sondern um Entwicklungsprozesse handelt.

Erziehungsziele gewaltlos erreichen?

Gerade in der unerzogen-Szene wird bestritten, dass das möglich ist. Erziehungsziele werden gleichgesetzt mit der „Formung des Charakters“. Letztendlich glaube ich aber, dass nicht die Erziehungsziele zwangsläufig zu Gewalt führen (wobei das natürlich sehr stark vom jeweiligen Erziehungsziel abhängt!), sondern die Erziehungsmethoden.

Erziehungsmethoden können sehr gewaltsam sein. Und damit meine ich nicht nur offensichtliche körperliche Gewalt (wie den Klaps, der angeblich noch niemandem geschadet hat…), sondern auch jegliche Form psychischer Gewalt. Anschreien, drohen, emotional erpressen, vorführen, unter Druck setzen, beleidigen, die individuellen Grenzen des Kindes überschreiten, ignorieren, Liebesentzug, Privilegienentzug, Strafen – und alles andere, was in irgendeiner Form das Kind zu einem bestimmten Verhalten zwingen soll, sind sehr wohl Gewalt!

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Was heißt es ein Erziehungsziel zu haben?

Aber sind auch Erziehungsziele Gewalt? Immer? Ganz egal, um welches Ziel es sich handelt und ganz egal, wie man mit diesem Ziel umgeht? Oder anders gefragt: Wie sieht ein Familienleben ohne Erziehungsziele aus?

Ich glaube, dass fast jeder von uns zumindest ein paar Erziehungsziele für seine Kinder hat. Zumindest kann ich mir nur schwer vorstellen, dass uns gleichgültig ist, ob unsere Kinder eines Tages weltoffene, konfliktfähige, gewaltlose oder rassistische, gewalttätige Menschen sein werden. Und das ist bereits ein Erziehungsziel.

Ich glaube nicht, dass entscheidend ist, ob wir ein Erziehungsziel haben, sondern welches und wie wir damit umgehen. Zwinge ich mein Kind in dieses Ziel hinein mit allerhand notfalls gewalttätiger Erziehungsmethoden oder bemühe ich mich durch vorleben, ausdiskutieren und verhandeln diesem Ziel näher zu kommen? Auch das ist Erziehung. Denn ich handele intentional. Mit Ziel vor den Augen.

Beziehung statt Erziehung?

Dass ist ein beliebter Slogan geworden, aber ich frage mich, ob das wirklich ein Widerspruch sein muss. Häufig ist es das. Ganz sicher. Ganz besonders, wenn wir uns die gängigen Erziehungsmethoden und auch Erziehungsziele vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte vor Augen führen.

Aber wenn wir Erziehung gewaltlos denken – und ja, ich bin überzeugt, dass das möglich ist – dann ist diese Form von gewaltloser Erziehung ohne Beziehung gar nicht möglich. Und ob Beziehung ohne Erziehung möglich ist? Ich weiß es nicht. Das würde bedeuten, dass wir keinerlei Ziele und keinerlei Intentionen haben dürften.

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Die Moral von der Geschicht

Uff, was für ein langer Text. Ich versuche das Ende übersichtlich zu halten.

„Erziehung ist Gewalt!“ ist mir zu undifferenziert. Erziehung besteht eben nicht nur aus Erziehungsmethoden, sondern auch aus Erziehungszielen. Und wie wir mit Erziehungszielen umgehen, ist höchst unterschiedlich. Erziehung kann Gewalt sein. Oh, ja. Leider. Aber ich glaube nicht, dass das so sein muss.

Einen Begriff, der wissenschaftlich gesehen zu den unschärfsten Begriffen überhaupt zählt, so einzuengen, halte ich für zu einfach.

Wie denkt ihr über das Thema?

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9 Comment

  1. Reply
    Vivian
    11. Februar 2017 at 05:24

    Sehr guter Artikel!

    Ich finde es tatsächlich auch schwer gewaltlos zu erziehen – und zwar ohne psychische Gewalt. Physische Gewalt auszuklammern ist eindeutig und absolut wichtig. Aber ignorieren wir unsere Kinder nicht immer mal, weil wir enttäuscht, wütend oder was auch immer sind – und das meist auf uns selbst. Ich werde auch mal lauter und mal sehen was noch so kommt, wenn ich in einer Situtation bin, die mich überfordert. Daran arbeite ich immer wieder.
    Aber tatsächlich bin auch der Meinung, dass Erziehung nicht gleich Gewalt ist und das sie notwendig ist (ich muss mich allerdings auch als Erziehungswissenschaftlerin zu erkennen geben ;)).

    Vielen Dank für deinen Artikel

    1. Reply
      Ida
      11. Februar 2017 at 14:29

      Ach, dann sind wir Kollegen! 😉

      Das mit dem laut werden kenne ich – und es ist doof und gleichzeitig menschlich. Für unsere Kinder ist es immer doof, wenn wir laut werden und trotzdem glaube ich, dass es einen Unterschied macht, ob ich laut werde, weil ich wütend bin oder ob ich laut werde, weil ich das für eine legitime Erziehungsmethode halte.

      Der Unterschied liegt vor allem darin, dass ich mich für mein Fehlverhalten entschuldigen kann und daran arbeiten kann. Wenn Schreien für mich eine legitime Erziehungsmethode ist, dann werde ich sie ja nicht ändern wollen. Und das ist ein Problem.

  2. Reply
    Fritzi
    11. Februar 2017 at 08:58

    Hallo Ida,

    Ich denke, du hast recht. Ich würde behaupten, jeder hat Ziele, die er sich für sein Kind wünscht.
    Und sei es nur das relativ offene Ziel, dass das Kind das entfalten kann, was in ihm steckt.

    Meine Erfahrung ist aber, dass Leute, die derart plakative Aussagen tätigen, sich nicht sehr intensiv mit Pro und Contra der Thematik und auch nicht mit Begriffsdefinitionen befasst haben. Sondern dass sie sich mit „klaren Aussagen“ das Leben ein bisschen leichter machen wollen ( vielleicht weil ihnen eine sonstige Orientierung im Leben fehlt).
    Viele Menschen empfinden differenzierte Diskussionen deshalb als anstrengend, glaube ich.
    Anders kann ich mir das Phänomen nicht erklären.

    Viele Grüße!
    Fritzi

    1. Reply
      Ida
      11. Februar 2017 at 14:31

      Liebe Fritzi,

      vielleicht hast du Recht. Ich mag das nicht so richtig beurteilen, weil ich ja nicht alle Menschen kenne, die so urteilen. Aber wer ein so enges Begriffskonzept hat und das dann auch noch so pauschal verurteilt und sich eben nicht mit all dem wissenschaftlichen Wust auseinander setzt, der dahinter steht – der macht es sich eben wirklich ein bisschen einfach.

      Liebe Grüße
      Ida

  3. Reply
    Ruth
    11. Februar 2017 at 22:01

    Das sehe ich naturgemäß anders. Und das kann ich auch begründen:

    1. Sozialisation ist nicht ungerichtet. Es ist ein Anpassungsprozess durch soziale Sanktion. In der Soziologie sprechen wir da von symbolischer Gewalt (z.B. Bourdieu). Erziehung ist eine Form der gerichteten Sozialisation.

    2. Intentionales Handeln ist der KERN von Sozialisation. Es bedeutet erstmal nur, Rückmeldungen zu Handeln in Bezug auf Werte zu geben. Ohne diese Prozesse gäbe es keine Moral. Es handelt sich um eine angeborene, extrem wichtige Kompetenz. Da Menschen extrem sozial sind, sind sie tendenziell extrem empfänglich für symbolische Sozialisationsgewalt.

    3. Unerzogen bedeutet nicht, so zu tun als gäbe es weder Sozialisationsgewalt noch Macht. Im Gegenteil – die Verantwortung wird bewusst wieder auf diese systemischen Zusammenhänge zwischen Eltern und Kindern, die eine naturgemäß extreme Ausprägung eines Machtgefälles prägen, gelenkt. Rückmeldungen jeder Art sind beim Verzicht auf Erziehung genau so wichtig wie in jedem anderen sozialen zusammenhang – sie beinhalten aber den bewussten Verzicht auf das Ausnutzen des immer vorhandenen (!) Machtgefälles, was die besondere Verantwortung desjenigen mit viel Macht dem*derjenigen mit wenig Macht gegenüber betont.

    4. Der Bildungsbegriff ist hier nicht hilfreich – im Zusammenhang mit den o.g. Erkenntnissen aus der Soziologie ist der Begriff ‚Lernen‘ hilfreicher. Er beschreibt nämlich explizit, dass jede Form der Wertung und Objektivierung unter Ausnutzung des Machtgefälles (hier ist die Machtquelle ‚Wissen‘) Lernen bremst. Gleichzeitig betont er die Intersubjektivität und Dauerhaftigkeit von Lernen, die Erziehung erst so richtig überflüssig machen. Gerichtetes ‚Lernen‘, was den Namen eigentlich nicht verdient, ist das Ziel von Erziehung, hat aber mit dem neurobiologischen Begriff nichts zu tun, sondern mit auswendig gelerntem Verhalten.

    Unerzogen beschäftigt sich also mit den systemischen Zusammenhängen von extremen Machtgefällen. Gewalt setzt in dem Moment ein, indem die Beziehung aus der Subjekthaftigkeit herausfällt und eine Person in der Intention (! Deswegen erkennt man unerzogen eben NICHT an der Handlung!) die andere, abhängige Person zum Objekt macht.

    4.

    1. Reply
      Ida
      11. Februar 2017 at 23:24

      Liebe Ruth,

      du hast Recht, Erziehung wird als Teil von Sozialisation angenommen. Nämlich als der planvolle, intentionale Teil im Gegensatz zum nicht-planvollen, nicht-intentionalen Teil. In der Erziehungswissenschaft werden Erziehung und Sozialisation allerdings meist so auseinander gehalten wie ich es in meinem Artikel dargestellt habe. Und Sozialisation ist eben nicht nur „ein Anpassungsprozess durch soziale Sanktion“ wie du schreibst, sondern deutlich vielseitiger. Sozialisation ist ein interaktiver Prozess, der bspw. auch unter Kindern stattfindet. Ganz ohne Sanktionen. Und ganz ohne symbolische Gewalt. Mir ist der Begriff „symbolische Gewalt“ vertraut, ich würde ihn allerdings nicht mit Sozialisation als Ganzes in Verbindung bringen.

      zu 2. Ich würde nicht sagen, dass intentionales Handeln der Kern von Sozialisation ist. Der Kern von Erziehung als TEIL von Sozialisation, ja. Aber nicht von Sozialisation insgesamt. Denn Sozialisation erfolgt wie gesagt sowohl gerichtet als auch ungerichtet.

      zu 3. Erst einmal habe ich mich in meinem Artikel mit dem Erziehungsbegriff und nicht mit unerzogen auseinander gesetzt. Da ich selbst nicht unerzogen lebe, kann ich dazu auch einfach zu wenig sagen, um daraus einen Artikel zu machen. Zu Erziehung und insbesondere zum Erziehungsbegriff kann ich dagegen eine ganze Menge sagen. Unter anderem weil ich mich damit vier Jahre lang an der Uni auseinander gesetzt habe.
      Du schreibst: „Rückmeldungen jeder Art sind beim Verzicht auf Erziehung genau so wichtig wie in jedem anderen sozialen zusammenhang – sie beinhalten aber den bewussten Verzicht auf das Ausnutzen des immer vorhandenen (!) Machtgefälles, was die besondere Verantwortung desjenigen mit viel Macht dem*derjenigen mit wenig Macht gegenüber betont.“ – das finde ich großartig! Darum ging es in meinem Artikel aber gar nicht. Mir ging es darum den Erziehungsbegriff zu betrachten und zu überlegen ob das, was er einschließt auch gewaltfrei denkbar ist.
      In diesem Zusammenhang wollte ich deutlich machen, dass Erziehung nicht nur aus Erziehungsmethoden besteht – das wäre eben das Ausüben von Macht. Sondern dass Erziehung schon da beginnt, wo es Erziehungsziele gibt. Also da, wo intentionales Handeln beginnt. Und Ziele sind eben bereits Dinge wie Weltoffenheit, Selbstbestimmung, etc.
      Ich wollte deutlich machen, dass mit dem Ziel bereits die Erziehung beginnt. Dass ein Ziel an sich aber noch keine Gewalt sein muss (das hängt natürlich vom Ziel ab!) und dass Erziehung nur dann zur Gewalt wird, wenn das Ziel in irgendeiner Form Zwang ausübt und entsprechend gewaltsame Erziehungsmethoden gewählt werden.
      Ein Ziel an sich ist zwar Erziehung, aber eben noch lange nicht Gewalt.

      zu 4. den Bildungsbegriff habe ich diskutiert, weil er einer der drei Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft ist. Ich kann Erziehung und Sozialisation in einer erziehungswissenschaftlichen Argumentation nicht diskutieren ohne Bildung zumindest zu erwähnen.
      Du erwähnst dann noch das „gerichtete Lernen“ – und ich gebe dir in deiner Argumentation grundsätzlich recht. Allerdings wollte ich ja eben verdeutlichen, dass Erziehung nicht erst mit einer Erziehungsmethode beginnt (die dann zu gerichtetem Lernen führt), sondern bereits mit einem Erziehungsziel im Hinterkopf. Und je nach Ziel ist gerichtetes Lernen eben gar nicht notwendig.
      Widersprechen würde ich dir bei dem Satz „gerichtetes ‚Lernen‘, was den Namen eigentlich nicht verdient, ist das Ziel von Erziehung[…]“. Da es keinen allgemeingültigen Erziehungsbegriff gibt, sich also wissenschaftlich gar nicht eindeutig sagen lässt, was Erziehung eigentlich ist, muss auch vollkommen unklar bleiben, was das Ziel von Erziehung ist. Bzw. ob es ein allgemeingültiges Ziel von Erziehung gibt. Oder geben kann.

      Und eins verstehe ich nicht: Warum mache ich durch Intention mein Gegenüber zum Objekt? Ich zweifle nicht an, dass das häufig passiert, aber ist das zwangsläufig so? Intentional handeln bedeutet doch in erster Linie, bewusst eine bestimmte Wirkung herbei führen zu wollen – aber ist das automatisch Manipulation? Wenn ich mein schreiendes Kind in den Arm nehme, mein hungriges Kind stille, mein müdes Kind trage oder mein trauriges Kind tröste handle zweifellos intentional – aber ist das Gewalt???

      Liebe Ruth, danke für den Austausch!

  4. Reply
    Martha
    16. Februar 2017 at 12:49

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich finde, du hast das Problem sehr gut benannt. Erziehung ist wirklich ein unscharfer Begriff. Insofern müsste man auch gar nicht so viel darüber diskutieren, ob man etwas nun Erziehung ist oder nicht. Vielmehr bewegen wir uns alle an verschiedenen Punkten einer Skala zwischen „Erziehung“ und „Nicht-Erziehung“ oder vielleicht besser „weit“ und „eng“. Ich denke, das „Unerzogen“-Konzept soll bewusst abgrenzen und auf andere Wege aufmerksam machen. Ich habe mich eine Zeit lang damit beschäftigt und wirklich gute Denkanstöße für meine Erziehung bekommen (Ups, darf man das sagen?). Jedenfalls: Solange Erziehende und Nichterziehende so konstruktiv diskutieren wie ihr hier, finde ich es super! Ich vertrete auch einen weiten Erziehungsbegriff und gehe sogar noch einen Schritt weiter. In meinen Augen kann man gar nicht nicht-erziehen, so wie man auch nicht nicht-kommunizieren kann… (siehe P. Watzlawick) Zumindest dann nicht, wenn man sich um sein Kind kümmert, für sein Kind interessiert und sein Kind liebevoll begleiten möchte bem Großwerden. Und das habe ich bisher bei allen Unerzogen-Familien, die ich kenne, auch so wahrgenommen. Das Gegenteil von Erziehung wäre in meinen Augen Verwahrlosung. Und so stimme ich dir zu, dass gewaltfreie Erziehung selbstverständlich möglich ist. Astrid Lindgren plädiert sogar für eine „freie Erziehung“. Diese „schließt Entschlossenheit nicht aus. Sie schließt aber auch nicht aus, dass Kinder Zuneigung für ihre Eltern empfinden und ihnen Respekt entgegenbringen, und – das Wichtigste überhaupt, dass Eltern auch Respekt vor ihren Kinder haben.“ (Jens Andresen: Astrid Lindgren. Ihr Leben. S. 225) So eine Erziehung entspricht voll und ganz meiner inneren Haltung und ich arbeite gern weiter daran… Viele Grüße von Martha, auch so was ähnliches wie Kollegin (Lehramtstudium)

    1. Reply
      Ida
      16. Februar 2017 at 20:48

      Oh, dieses Astrid-Lindgren-Zitat ist großartig – das werde ich mir merken! Und ja, genau das entspricht auch meiner inneren Haltung. Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße
      Ida

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