Impuls am Montag, 30.03.2015

Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.”

~Maria Montessori, 1870-1952

Maria Montessori hat mit ihren Ideen altbewährte Konzepte von Erziehung und Familienleben gehörig durcheinander gewirbelt. Zu ihren Lebzeiten war es nicht üblich Kindheit vom Kind aus zu denken und überhaupt auf Kinder und ihre Bedürfnisse einzugehen.

Heute hat sich vieles geändert – bspw. ist Gewalt in der Erziehung mittlerweile weitestgehend verpönt. Aber heißt das schon, dass wir in einer Zeit leben, in der das Kind sich offenbaren darf? Oder versuchen wir immer noch Kinder zu formen?

Kinder leiden heute unter Stress wie kaum eine Generation vor ihnen. Ihre Terminkalender sind vergleichbar prall gefüllt wie die eines leitenden Angestellten und ihre Eltern wachen sorgsam über jeden Entwicklungsschritt. Kinder werden gefördert, dass sich die Balken biegen: Babyschwimmen, Frühenglisch in der Kita, Computer-AG für Vierjährige sowie diverse Musik- und Sportangebote für alle Altersgruppen. Kein Kind soll durchschnittlich bleiben, Eltern streben eine Generation von lauter kleinen Einsteins an.

finnland 2011 16

Und Ähnliches streben just dieselben Eltern auch für sich selbst an: Durchschnitt war gestern, die moderne Familie bekommt einfach alles gebacken – Kind, Karriere, Haushalt, Ehe, Freunde, Freizeit, gesellschaftliches Engagement und dergleichen mehr. Unsere Elterngeneration verfrachtet sich selbst in ein engeres Korsett als unsere Großmütter je zu träumen gewagt hätten – und das auch noh freiwillig.

Kann sich in solch einem Milieu ein Kind offenbaren?

Passt das überhaupt in den Zeitplan? Vielleicht so: “Ach, Herzchen, du möchtest dich offenbaren? Warte, lass mich schnell in meinem Terminkalender nachschauen, wann das passt. Wie wäre es mit Übermorgen, 16 Uhr? Nein, Moment, da hast du ja Karate. Donnerstag, 17 Uhr? Ach nein, da ist deine Schwester beim Seidenmalkurs. Hm, ich denke es wird doch erst nächste Woche etwas! Ist das OK?

Klar.

Um sich offenbaren zu können brauchen Kinder kein starres Korsett aus Terminplänen und Frühförderterminen sondern vor allem eins – Zeit. Gut Ding will Weile haben. Vielleicht wäre es an der Zeit einen Gang zurückzuschalten, sich zu überlegen, was wirklich wesentlich im Leben ist und sich dafür Zeit zu nehmen.

Dann hätten unsere Kinder vielleicht endlich eine Chance…

 

You Might Also Like

Hier geht's weiter
Das kam davor

0 Comment

  1. Reply
    Elisabeth
    31. März 2015 at 08:29

    Liebe Familie Riethmüller,
    danke für den Artikel. Was ihr beschreibt, beobachte ich auch. Aber viele Menschen spüren das auch mittlerweile, als ob wir nicht schon alle wunderbar wären, ganz ohne aufgesetzte Kreativ- und Förderprogramme.

    1. Reply
      abullerbuelife
      31. März 2015 at 09:59

      Es stimmt: Glücklicherweise gibt es mittlerweile viele kritische Stimmen, die fordern, dass Kinder einfach Kinder sein dürfen. Eine sehr positive Entwicklung!

  2. Reply
    kaffeekorn
    3. April 2015 at 22:45

    Ein Gedanke dazu: das Problem ist doch, dass wir als vermeindlich fürsorgliche Eltern unsere Kinder auf die Welt vorbereiten wollen, in der wir aktuell leben. Der Mensch heute muss flexibel, anpassungsfähig und umfassend kompetent sein – daran glauben wir. Das macht unseren Wohlstand aus. Wir verschwenden dabei aber weder einen Gedanken daran, was unseren Kindern wichtig ist, noch, was unseren Kindern vielleicht mal wichtig sein wird. Wir formen unsere Kinder, damit sie in diese Welt passen, anstatt die Welt formbar zu halten. Pädagogische Pedanterie ;).

    Schöner Impuls.

    1. Reply
      abullerbuelife
      7. April 2015 at 17:10

      Vielen Dank für diesen Kommentar! Dieser Gedanke hat im Impuls wirklich noch gefehlt: Warum und für wen formen wir eigentlich unsere Kinder und ist das überhaupt rechtens?

Schreibe einen Kommentar

*

%d Bloggern gefällt das: