Evangelium verkünden vs. Nachhaltigkeit?

„Die Kirche sollte endlich in der Gegenwart ankommen und sich mit heutigen Problemen auseinander setzen!“ höre ich von links. „Die Kirche sollte sich mehr darauf konzentrieren das Evangelium zu verkünden und Themen wie Nachhaltigkeit anderen gesellschaftlichen Gruppen überlassen!“ höre ich von rechts.

Und staune

Denn ich verstehe nicht, inwiefern unser Glaube (der ewig ist und damit eben nicht einem flüchtigen Zeitgeist unterworfen) und aktuelle Probleme oder Themen wie Nachhaltigkeit in Konkurrenz zu einander stehen. Ich verstehe auf der einen Seite nicht, warum sich die Kirche einem Zeitgeist angleichen soll, der so flüchtig ist, dass das Heute morgen schon vorgestern ist. Ich verstehe aber ebenso wenig, warum sich die Kirche auf einmal nur noch auf eine einzelne Aufgabe konzentrieren soll.

Und das wäre in der Kirchengeschichte auch ziemlich einzigartig. Unser Glaube hat Einfluss auf unser gesamtes Leben – darauf wie wir Entscheidungen treffen und welche wir treffen, darauf wie wir denken, wie wir Menschen begegnen. Besonders Menschen, die anders sind als wir. Unser Glaube hat Einfluss darauf, ob und wie wir Verantwortung übernehmen. Und für wen. Oder was.

Jesus hat uns nicht zur Einseitigkeit berufen

Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!

~ Markus 16,15 (Einheitsübersetzung)

In Westeuropa tun wir uns mit diesem Auftrag oft ziemlich schwer. Über den eigenen Glauben zu sprechen ist für viele eine große Hürde. Wir sind oft bemerkenswert sprachlos was unseren Glauben angeht. Deswegen ist die Klage aus konservativen Lagern sicherlich nicht aus der Luft gegriffen: Als Christen sind wir dazu berufen das Evangelium zu verkünden.

Aber ist das alles?

Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

~ Matthäus 25, 40 (Einheitsübersetzung)

Der Auftrag an uns Christen erschöpft sich ganz eindeutig nicht in der Verkündigung des Evangeliums. Er erschöpft sich aber genau so wenig im sozialen und moralischen Handeln. Er erfordert beides.

Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
~ Markus 12, 30 – 31 (Einheitsübersetzung)
Tumor Krankheit Mutter Tod Sterben Hoffnung Medizin Ärzte Dankbarkeit

Christentum ist praktisch

Kaum ein Thema lädt in christlichen Kreisen so sehr zu allerhand blumigem Gedankengut ein wie die Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Und auch wenn ich denke, dass Poesie ihren Platz im Glauben haben sollte, fällt mir doch immer wieder auf, wie praktisch Jesus selbst Glauben gelebt und gepredigt hat. Das Christentum ist kein Glaube für Intellektuelle, Schwärmer und Theologen – zumindest nicht nur.

Das Christentum ist ein Glaube, der für jeden da ist. Mit oder ohne Bildung. Mit oder ohne Geld. Ganz praktisch. Und dieses Bewusstsein fehlt mir in unseren Breiten oft. Wir sehen keine hungernden Kinder auf unseren Straßen. In unseren Fabriken müssen keine Minderjährigen Sklavenarbeit leisten.

Nicht bei uns, nein.

Ein paar hundert Kilometer weiter südlich sieht das schon ganz anders aus…

Und auch diese Menschen sind unsere Nächsten. Und wir tragen Verantwortung für sie. Auch wenn wir sie nicht kennen.

Wald Waldtag Slow Parenting Attachment Parenting Natur Kleinkind Familie

Ein neues Kleid, das in einer Fabrik in Bangladesch für nicht einmal einen Dollar am Tag (!) genäht wurde? Eine Tafel Schokolade, deren Kakaobohnen an der Elfenbeinküste von Fünfjährigen mit Macheten geerntet wurden, die so groß sind wie sie selbst? Die Tag für Tag ohne Schutzkleidung im Giftnebel arbeiten? 12 Stunden am Tag oder länger – ohne Krankenversicherung und für weniger als einen Dollar am Tag?

Das ist nicht nachhaltig. Und es ist auch nicht christlich. Nachhaltigkeit hat zum Ziel allen Menschen auf dieser Welt ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Und dieses Ziel ist identisch mit dem, was Jesus von uns fordert.

Glaubhaft das Evangelium verkünden – ohne sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Das ist Heuchelei. Und es ist Ignoranz – eben jene Ignoranz, die Jesus anspricht in seinem Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr.

Ich bin nicht glaubhaft, wenn ich von Jesus erzähle und davon, was er für uns Menschen getan hat – und gleichzeitig Milka-Schokolade esse. Oder bei H&M shoppen gehe. Ich habe die Botschaft des Evangeliums nicht wirklich angenommen, wenn ich meine Mitverantwortung für die Lebens- und Arbeitsbedingungen in anderen Ländern ignoriere. Weil es für mich so bequem ist.

Ist glauben bequem?

Jesus behauptet das Gegenteil (Matthäus 10:22). Jesus hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es sogar reichlich unbequem sein wird ihm nachzufolgen. Und zwar nicht nur weil unser Glaube angefragt werden könnte oder weil unsere Moralvorstellungen in Konflikt mit unserer Umgebung geraten könnten. Auch weil es keine einfachen und bequemen Entscheidungen gibt – wenn sie unserem christlichen Glauben gerecht werden wollen.

Erstgeborene Geschwister Geschwisterposition Rolle Familie Eltern Kinder Älteste Erziehung Gerechtigkeit gleich behandeln

Die Moral von der Geschicht

Wir haben als Christen nicht nur einen unbequemen und schwierigen Auftrag, wir haben auch einen mächtigen Verbündeten. Im Himmel – und auf der Erde. Schon ganz zu Beginn als Nachhaltigkeit sich nach und nach zu einem politischen Begriff entwickelte, seit Konzepte und Ideen entwickelt und ausprobiert wurden, waren die Kirchen Teil dieser Bewegung. Unter anderem durch Organisationen wie Misereor und Brot für die Welt, die zu den Initiatoren der GEPA gehören.

Nachhaltigkeit erfordert Nachdenken, Überdenken und Umdenken – und das kann anstrengend sein. Und gleichzeitig bereichernd. Es gibt viele Wege, die für mehr Gerechtigkeit und Menschenwürde in unserer Welt führen können. Fairer Handel, Konsummäßigung, Unterstützung regionaler Produkte, Second-Hand, Müllvermeidung – und so viele mehr. Sie müssen nur gegangen werden. Es ist gar nicht so schwer sie zu gehen, denn wir gehen ja nicht allein.

Und wenn wir sie nicht gehen, zahlt jemand anderes den Preis…

You Might Also Like

Hier geht's weiter
Das kam davor

2 Comment

  1. Reply
    Martha Jäger
    13. Juni 2017 at 11:58

    Ich stimme dir absolut zu, in einer globalisierten Welt sind unsere Nächsten die, die unsere Kaffeebohnen pflücken und unsere Jeans nähen. Allerdings stecken wir auch so im System, dass sich niemand zu 100 Prozent korrekt verhalten kann. Wir versündigen uns auch täglich an unserem Nächsten, das ist gar nicht völlig vermeidbar. Darum finde ich wichtig, Mut zu machen, kleine Schritte zu gehen. Nicht mehr bei H&M und co. shoppen wäre natürlich am besten, aber jedes doch nicht gekaufte Shirt und jede doch second Hand gekaufte Hose sind doch ein guter Schritt. Vielleicht folgen dann grössere Schritte? Statt „du sollst nicht…“ finde ich, wir sollten (uns und) andere Christen und Nichtchristen mit „du könntest doch…“ ermutigen! Der erste Schritt ist das Bewusstsein dafür, was besser wäre. Öfters mal eine gute (Nicht)Kaufentscheidung treffen dann die Folge. Liebe Grüße, Martha

    1. Reply
      Ida
      17. Juni 2017 at 22:05

      Ich glaube, mir geht es gar nicht so sehr darum einen Weg zu finden, der zu 100 Prozent korrekt ist. Mir geht es vor allem darum zu zeigen, dass das Thema Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit für uns als Christen relevant ist. Bzw. dass es uns eben einfach nicht gleichgültig sein kann.
      Deine Anregungen finde ich gut – ich habe auch schon Pläne, die in diese Richtung gehen.
      Ganz liebe Grüße
      Ida

Schreibe einen Kommentar

*

%d Bloggern gefällt das: