Die deutsche Schulpflicht – eine kritische Diskussion

„In Deutschland herrscht Schulpflicht und das ist gut so!“

Dieses Credo wird hierzulande bislang eher selten hinterfragt und diejenigen, die es tun, stehen schnell in einem gelinde gesagt etwas seltsamen Licht da. Man stempelt sie schnell als christliche Fundamentalisten oder anti-autoritäre Hippies ab – ohne sie jedoch ernst zu nehmen und sich ihre Gedanken anzuhören.

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Die Schulpflicht gilt als eine Errungenschaft der Industriegesellschaft. Ferner sei die Schule nicht nur eine wichtige Sozialisationsinstanz, sie sei vor allem eine Assimilationsinstanz. Und als solche sei sie von immenser Wichtigkeit für unsere Gesellschaft, da anderenfalls gefährliche Parallelgesellschaften entstehen könnten.

Diese Angst wird von vielen Menschen in unserem Land geteilt, erweist sich aber bei genauerer Betrachtung als haltlos: In vielen europäischen Ländern (bspw. Österreich, der Schweiz, England, Frankreich, uvm.), in den USA und Kanada, in Australien und Neuseeland und in vielen anderen Ländern der Welt herrscht keine dezidierte Schulpflicht, sondern nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht. In diesen Ländern sind sowohl Homeschooling als auch Unschooling erlaubt – und bisher sind dort keine aus diesen Gründen entstandenen gefährlichen Parallelgesellschaften zu beklagen.

Ganz im Gegenteil: In den meisten Ländern schätzt man die Vielfalt im Bildungssystem, die auf diese Weise möglich ist.

Auch in Deutschland gibt es eine ganze Reihe Familien, die sich der Schulpflicht entziehen – genaue Zahlen gibt es nicht, je nach Quelle wird von 50 bis 1000 Un- und Homeschool-Kindern in Deutschland ausgegangen. Da Homeschooling in Deutschland aber verboten ist, sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen.

Einige Homeschool-Familien bleiben recht unbehelligt und werden mehr oder minder geduldet, andere Familien werden dagegen mit verschiedenen rechtsstaatlichen Maßnahmen wie Bußgeldern, Kindes- und Sorgerechtsentzug oder Erzwingungshaft zum Schulbesuch ihrer Kinder gedrängt. Dieses Vorgehen wird international – besonders in den USA – kritisiert.

Forschungsergebnisse zum Thema Homeschooling gibt es bislang nur in begrenztem Umfang, diese legen jedoch nahe, dass zu Hause unterrichtete Kinder ihren Altersgenossen, die öffentliche Schulen besuchen, akademisch in nichts nachstehen. Die Erfahrungen mit Homeschooling aus anderen Ländern scheinen diese Thesen zu untermauern.

Ein weiterer Grund, der gegen den Unterricht zu Hause ins Feld geführt wird, ist der Sozialisationscharakter der öffentlichen Schule. Eine weithin geteilte Befürchtung der Homeschool-Kritiker ist, dass zu Hause unterrichtete Kinder in ihren Famillien isoliert bleiben könnten. Insbesondere aus den USA ist jedoch bekannt, dass dies mitnichten der Fall ist. Kinder lernen nicht nur über die Schule, sondern auch über den Sportverein, die Musikschule, die örtliche Ministrantengruppe, den Kinderchor, die Pfadfinder und überdie Frreunde der Eltern Gleichaltrige kennen. Dazu kommt, dass viele Homeschool-Familien gut miteinander vernetzt sind und ihren Kindern so ein großes Netzwerk an Kontakten außerhalb der Familie zur Verfügung steht.

So bleibt das strikte Verbot von Homeschooling in Deutschland fragwürdig, da offenbar weder akademische Leistungen noch soziale Kompetenzen darunter leiden, wenn Kinder zu Hause unterrichtet werden. Und da auch die Entstehung gefährlicher Parallelgesellschaften aus der Luft gegriffen zu sein scheint, gibt es eigentlich keinen Grund Homeschooling nicht zumindest zu dulden.

 

 

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0 Comment

  1. Reply
    steffiiscooking
    6. Juni 2016 at 18:43

    Ich sehe das genauso! Auch ich würde Homeschooling betreiben. Was können wir machen, damit diese Pflicht in unserem Staat gelockert wird? Es sollte nicht sein, dass deutsche Bürger auswandern, nur damit sie ihre Kinder nicht in verstaatlichte Institutionen geben müssen. Und diese Familien gibt es häufiger..

    1. Reply
      Ida
      6. Juni 2016 at 18:48

      Es gibt verschiedene Verbände und Initiativen, die sich für die Umwandlung der allgemeinen Schulpflicht in eine Bildungs- oder Unterrichtspflicht einsetzen.
      Beispiele sind der Bundesverband für natürliches Lernen (BVNL), das Netzwerk Bildungsfreiheit und Schulunterricht zu Hause e.V. (Schuzh). Es gibt aber noch mehr Initiativen.
      Parteipolitisch steht das Thema Bildungsfreiheit leider momentan nirgends auf der Agenda – wenn ich richtig informiert bin…

  2. Reply
    Maria von OstSeeRäuberBande
    13. Juni 2016 at 13:13

    Hallo,
    da hast du ein sehr wichtiges Thema behandelt. Wie schade,dass es keine größere Diskussion auslöst. Ich schreibe gerade an einer Post-Reihe zum Thema (die Vorteile vom Freilernen gibt es schon: http://www.ostseeraeuberbande.de/2016/05/11/leben-als-freilerner-was-hat-das-f%C3%BCr-vorteile/), aber mein Blog ist noch zu klein um viel gelesen zu werden. Aber so nach und nach wird die Idee hoffentlich bekannter. Also weiter so 🙂
    Viele Grüße,
    Maria

    1. Reply
      Ida
      13. Juni 2016 at 13:23

      Danke für deine Mut machenden Worte! Schön, dass du dich auch mit dem Thema auseinander setzt. Es braucht einfach viel mehr Aufmerksamkeit. Leider geht es aber ziemlich unter im allgemeinen Diskurs…
      Deshalb können wir jeden gebrauchen, der zum Thema schreibt – auch wenn er nur wenige Leser haben sollte.

      1. Reply
        Maria von OstSeeRäuberBande
        24. Juni 2016 at 22:16

        Ja, in Deutschland geht es irgendwie unter. Es gibt ja so viel wichtigeres als die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder – es ist traurig. Und in Frankreich soll es ab 2017 verboten werden. Homeschooling nach strengem Lehrplan ja, Freilernen nicht mehr. Am verrücktesten finde ich das Terrorismus-Argument. Ups, da wächst uns eine unkonrollierbare Bewegung über den Kopf, also schnell verbieten. Und da wir keine guten Argumente haben (es scheint nicht eine unabhängige Studie zu geben, die dagegen spricht), nehmen wir den Terrorismus. Wenn man darüber nicht eigentlich weinen müsste könnte man herzlich lachen…

        1. Reply
          Ida
          25. Juni 2016 at 07:50

          Es gibt Homeschooling in so vielen Ländern und es ist nicht so, dass es dort signifikant mehr Terrorismus gibt als bei uns. Das scheint aber als Argument für die Politik leider nicht auszureichen…

  3. Reply
    immortal von schulfern.com
    21. Juli 2016 at 11:54

    Wir sind in Österreich daheim haben keine Schulpflicht und meine Kinder gehen nicht zur Schule. Und ich finde mich trotzdem immer wieder in dieser Diskussion wieder. Die allermeisten wissen nämlich gar nicht dass es hierzulande die Schulpflicht mit gebäudeanwesenheitspflicht gar nicht gibt. Es gibt hierzulande auch viele die diesen Glaubensätzen anhängen (also: Das ist halt so, und weil es so ist ist es gut so, das war schon immer so, das wird schon so passen,… ) das ist oft schon sehr mühsam. Zur Sozialen Kompetenz von Kindern im häuslichen Unterricht hab ich auch erst kürzlich einen Beitrag verfasst. Falls du mal reinschaun willst: https://schulfern.com/2016/06/24/aus-dem-blauen-gefragt-soziale-kompetenz/

    1. Reply
      Ida
      21. Juli 2016 at 12:04

      Ich beneide euch so oft um die rechtliche Situation in Österreich! In anderen Ländern ist es ja sogar noch entspannter – UK, USA, Australien, Dänemark, etc. Ein wahrer Traum.
      Aber irgendwie ist es doch grausam zu wissen, dass man das Land verlassen müsste, um so zu leben, wie man gerne würde. Weil man sonst als kriminell (!) gelten würde…

      1. Reply
        immortal von schulfern.com
        21. Juli 2016 at 12:11

        das kann ich gut nachvollziehen. Ich wünsche euch dass sich bei euch in der Hinsicht endlich was bewegt.

        1. Reply
          Ida
          21. Juli 2016 at 13:03

          Bisher sieht es nicht so aus. Eigentlich bewegt sich alles mehr in Richtung noch mehr staatliche Kontrolle und noch wengier elterliche Rechte. Bspw. soll der Mutterschutz eingeschränkt werden (v.a. in Bezug auf das Stillen) und die CDU plant eine Zwangs-Ernährungsberatung für schwangere Veganerinnen.
          Verrückt.
          Aber die Hoffnung gebe ich trotzdem nicht auf. Das wäre ja noch schöner. 😉

          1. immortal von schulfern.com
            21. Juli 2016 at 13:05

            Das klingt so absurd XD dass ich jetzt lachen musste,.. obwohl es eigentlich traurig ist.

          2. Ida
            21. Juli 2016 at 13:08

            Das IST ja auch absurd!

  4. […] denn überhaupt zur Schule gehen möchten oder lieber in der Familie lernen würden (Stichwort Home Education). Wir haben allerdings Angst vor den Konsequenzen, die uns in Deutschland drohen […]

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