Der Wolf im Schafspelz? Christen in der AfD

Die AfD erhitzt die Gemüter der Nation. Die einen sehen sie wahlweise als rechtspopulistisch oder rechtsradikal an, die anderen als die einzige politische Kraft, die sich traut, die Wahrheit zu sagen. Und wo Vergleiche mit der amerikanischen Tea-Party-Bewegung gezogen werden, da können christliche Werte doch nicht fern sein.

Oder?

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Wir haben uns die Mühe gemacht und uns mit dem Grundsatzprogramm der Christen in der AfD auseinandergesetzt. Und natürlich haben wir auch gemeinsame Positionen gefunden:

Die Christen in der AfD

  • wenden sich gegen Abtreibung und Sterbehilfe
  • gegen die PID
  • gegen die Homo-Ehe
  • setzen sich ein für den Schutz von Ehe und Familie
  • und für die Erziehung von Kindern zu Hause in der Familie

Diese Positionen teilen vermutlich ein Großteil aller Christen – zumindest aller wertkonservativen Christen, ganz gleich welche politischen Standpunkte sie sonst vertreten. Aus diesem Grund ist eher fraglich wie AfD-spezifisch diese Positionen wirklich sind.

Spannender wird es da schon bei folgenden Grundsatzpunkten:

Die AfD:

  • ist für den konfessionellen Religionsunterricht

Auch in diesem Punkt werden sich vermutlich die meisten Christen einig sein, dennoch bleibt die AfD hier eigentümlich vage: Konfessioneller Religionsunterricht für wen? Nur für Christen? Was ist mit muslimischen Schülern, sollten sie – in einem Staat, in dem ja bekanntlich Religionsfreiheit herrscht – islamischen Religionsunterricht erhalten? Darüber schweigt sich die AfD aus, aber damit sind wir auch schon am eigentlich interessanten Punkt angekommen:

Die Haltung der AfD zum Islam:

Es ist nicht einsehbar, dass der Islam, sollte er zu weiterem politischem Einfluss in Deutschland gelangen, sich gegenüber religiös Andersdenkenden anders verhalten sollte als in seinen Stammländern. Über diese bedeutsamen Sachverhalte muss endlich eine freie und vorurteilslose Diskussion möglich sein, bei der keinerlei Denk- und Sprechverbote angebracht sind.

~ Christen in der AfD Grundsatzprogramm

Aus diesem Statement – ganz gleich wie man dazu stehen mag – spricht vor allem eines: Angst. Und Angst ist ein schlechter Berater.

Die Lage der Christen in muslimischen und kommunistischen Ländern ist ernst und sicherlich ist nicht davon auszugehen, dass alle Muslime in Deutschland bzw. alle muslimischen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sich in tolerante Vertreter der Religionsfreiheit verwandeln. Aber ist die Lage der Nation dadurch wirklich so bedrohlich, wie die AfD uns glauben machen möchte?

Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland gehören derzeit 2,6% aller Menschen in Deutschland dem Islam an (Quelle). Selbst wenn die Hälfte dieser muslimischen Bevölkerungsgruppe ihren Glauben radikal und christenfeindlich verstehen würde – wovon nicht auszugehen ist –  wäre der Einfluss dieser gesellschaftlichen Gruppe äußerst gering.

Was also löst die Angst vor Muslimen, die nicht nur unter AfD-Anhängern verbreitet zu sein scheint, aus? Ist es vielleicht am Ende die Angst, dass die eigene Kultur schwächer ist, als die der Einwanderer? Wer die eigene Kultur als schwach wahrnimmt, wird sich möglicherweise vor einer fremden fürchten.

Uns bereiten weniger muslimische Einwanderer als vor allem die zunehmende religiöse Indifferenz und Konfessionslosigkeit Sorge und diese erscheinen uns als weit größere Bedrohung einer christlichen Kultur, als ein paar Millionen Muslime in Deutschland.

Vielleicht wäre es eher an der Zeit einen eigenen (christlichen) Standpunkt zu finden und öffentlich und sichtbar in der Gesellschaft für ihn einzutreten, anstatt diejenigen zu marginalisieren, die einen (wenn auch nicht-christlichen) Standpunkt bereits gefunden haben.

Auch wir Christen profitieren letztendlich von der Religionsfreiheit in unserem Land und sollten diese aus diesem Grund auch Andersgläubigen zugestehen.

Aus diesem Grund möchten wir einen ganz anderen Blickwinkel auf die Flüchtlingssituation in Deutschland werfen und ein Zitat von Heinrich Brehm von der Schönstatt-Bewegung teilen:

Unverständlich und wenig hilfreich ist der in Medien und Politik weit verbreitete Gebrauch des Begriffes der „Flüchtlingskrise“. Natürlich sind kurzfristig die Herausforderungen groß, die mit der großen Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge verbunden sind. Schaut man jedoch auf die demographische Situation Deutschlands, so ist doch absehbar, dass mittel- und langfristig gesehen die Chancen größer sind! Schon in der verwendeten Terminologie könnte damit ein positives Signal für die „Flüchtlingssituation“ gesetzt werden. Die Aufnahme der Flüchtlinge ist keine „Bedrohung“, sondern eine positive „Herausforderung“, deren Bewältigung auch stolz machen kann. Diese Menschen sind eine Chance für unser Land, ja ein Geschenk. Jedenfalls überwiegen die Chancen deutlich die Probleme, die entstehen und entstehen können. […]Kardinal Marx im Spiegel-Gespräch vom 5. September: „Es gibt keine Ausländer für uns, alle Menschen sind Kinder Gottes, auch die, die nicht Christen sind.“ (Quelle) […] Für Christen hat die Flüchtlingssituation noch einen Mehrwert. Sie glauben daran, dass Gott ihnen durch diesen Vorgang etwas mitteilen und ihnen einen Auftrag erteilen möchte. Gott fordert zur Mitarbeit auf. Menschen, die zu uns kommen, sind nicht zuerst eine Last, sondern eine Bereicherung, ein Segen. Und auch wir selbst sollen, wie Gott es gegenüber Abraham, dem Vater des Glaubens ausdrückt, für diese Menschen ebenfalls ein Segen sein. Dass viele der Flüchtlinge selbst im rauen Herbstwetter in Zelten leben müssen, mag im Sinne eines alten biblischen Bildes Zeichen für die Anwesenheit Gottes bei seinem Volk sein. Vielleicht will uns Gott gerade in den Zelten der Flüchtlinge besonders nahe sein.

~ Heinrich Brehm, Schönstatt-Bewegung

Abschließen möchten wir unsere Gedanken mit einem Bibelvers, den sich auch die Christen in der AfD zu Herzen nehmen sollten:

Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.

~ Lev 19, 33-34

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0 Comment

  1. Reply
    Utopio
    2. Mai 2016 at 12:06

    Es ist doch schon erstaunlich, dass die christlichen Gemeinden sich über Konfessionsgrenzen hinweg mit am stärksten in der Flüchtlingshilfe engagieren. Egal ob Landeskirche, Katholische Kirche oder Freikirche, alle packen mit an. Aber die Christen in der AfD sehen das ja alles besser als all die vielen Theologen, Pastoren, Gemeinden und ihre Gemeindemitglieder zusammen.

    Mich hat in dieser Hinsicht ein Vortrag bei der Osterkonferenz des EC in Bayern sehr positiv gestimmt.

    Da hat ein Pastor einer landeskirchlichen Gemeinschaft in seiner Stadt einen Verein zur Flüchtlingshilfe gegründet, der konfessionsübergreifend auf unterschiedlichsten Ebenen aktiv ist. Dort werden von Sprachkursen, Kinderbetreuung bis Sportangebote und kleine Hilfstätigkeiten vermittelt (damit die Flüchtlinge nicht irgendwann den Lagerkoller bekommen).

    Und er kann berichten, dass wenn die Situation aktiv angegangen wird statt nur darüber zu jammern, die Flüchtlingshilfe sehr viele positive Früchte zur Folge haben kann:
    – Indem direkt Beziehungen zu den Flüchtlingen geknüpft wurde konnten Situationen wie in Köln weitgehend vermieden werden. Und wenn es einmal zu Problemen kommt, kennt man sich, und hat Ansprechpartner, welche deeskalierend eingreifen können.
    – Ein paar Flüchtlinge haben durch die intensive Hilfe sogar erste Annäherungsschritte zum christlichen Glauben unternommen
    – Die eigene Stadt, welche aus verschiedenen historisch stets zerstrittenen Teil-Gemeinden besteht, ist durch die gemeinsame Aufgabe zusammengewachsen
    – Einige der zuvor ungläubigen deutschen Ehrenamtlichen, die in dem Verein aktiv wurden, haben sich durch das starke Engagement der christlichen Gemeinschaft dem christlichen Glauben wieder angenähert, einige sich sogar schon Taufen lassen

    Insgesamt wurde durch die Arbeit sowohl der Fremde wie auch die eigene Stadt gesegnet.

    Natürlich bedeuten solche Krisen auch immer potentielle Gefahren und vor allem Kosten. Aber ist es nicht Aufgabe des Christen im Angesicht dieser Gefahren sein Kreuz auf sich zu nehmen und ungehindert weiter Jesus nachzufolgen, ganz gleich was die Kosten für seinen einfältigen Gehorsam gegenüber den Wegen Christi auch sein mögen?

    1. Reply
      livingacatholicfairytale
      2. Mai 2016 at 12:20

      Ich denke, dass AfD-Christen aus einer Angst heraus argumentieren – einer Angst, die aber einfach nicht christlich ist (siehe Lev 19,33).

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