Warum ich die "Clan-Romantik" kritisch sehe

Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.

~ Afrikanisches Sprichwort

Dieses Zitat ist vielleicht DAS Credo der Attachment-Parenting-Bewegung. Und es ist einerseits wahr und andererseits sehe ich es höchst kritisch. Was ist denn eigentlich mit diesem Dorf gemeint? Dem „Clan“?

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Der „Clan“ ist genauso ein zentraler Begriff der Attachment-Parenting-Bewegung wie das „Dorf“

Und es verwundert mich immer wieder wie unkritisch er verwendet wird. Bevor ich zu meiner Kritik komme, stelle ich zwei Dinge vorweg, damit ich nicht missverstanden werde:

  1. Auch unsere Kinder wachsen im Sinne des Attachment Parenting auf und wir sind von den Grundsätzen zutiefst überzeugt. Dieser Artikel wird also keine Kritik am Attachment Parenting an sich. Im Gegenteil.
  2. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass Eltern Gemeinschaft brauchen, um gut für ihre Kinder und für sich selbst – also die Familie als Ganzes – sorgen zu können. Ich nenne es allerdings Gemeinschaft und nicht Clan. Und das aus gutem Grund.

Was ist für mich der Unterschied zwischen Gemeinschaft und Clan?

Um nicht komplett im luftleeren Raum herum zu stochern habe ich Wikipedia bemüht und stelle euch zwei Definitionen vor, die ganz gut den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Clan verdeutlichen:

Gemeinschaft (von „gemein, Gemeinsamkeit“) bezeichnet in der Soziologie und der Ethnologie (Völkerkunde) eine überschaubare soziale Gruppe (beispielsweise eine Familie, Gemeinde, Wildbeuter-Horde, einen Clan oder Freundeskreis), deren Mitglieder durch ein starkes „Wir-Gefühl“ eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen.

~ Quelle: Wikipedia

Gemeinschaft ist also der Oberbegriff für jede eng miteinander verbundene soziale Gruppe – der Clan kann so eine Gemeinschaft sein, muss aber nicht. Eine Gemeinschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die sich durch eine Gemeinsamkeit verbunden fühlen. Im Gegensatz dazu ist

Ein Clan (Mehrzahl: Clans, von schottisch-gälisch clann „Kinder“) […] eine größere Familiengruppe in Schottland, die ein abgegrenztes Gebiet bewohnte und ihre Herkunft auf einen gemeinsamen Urahnen zurückführte […]. Davon abgeleitet versteht die Ethnologie oder Völkerkunde unter einem Clan bei ethnischen Gruppen und indigenen Völkern einen Familienverband, der sich zwar auf eine gemeinsame Herkunft bezieht, diese zumeist sagenhafte Abstammung aber nur ungenau oder widersprüchlich herleiten kann.

~ Quelle: Wikipedia

Ein Clan ist also kein freiwilliger Zusammenschluss, sondern eine Familienverband. Die Zugehörigkeit zu einem Clan regelt sich nicht durch persönliche, freiheitliche Entscheidungen, sondern über die Blutlinie.

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Warum ich die Bezeichnung „Clan“ für Gemeinschaften von ähnlich denkenden Eltern kritisch sehe

Clans sind kein freiheitlicher Zusammenschluss von Individuen. Ganz im Gegenteil: In Clans herrscht in erster Linie ein kollektivistisches Denken – das sich mit dem individualistischen Denken unserer Kultur nicht besonders gut verträgt. Clans sind exklusiv, nicht inklusiv. Sie funktionieren über klare Hierarchien und sind wirklich nicht demokratisch.

Ganz im Gegenteil zu Gemeinschaften.

Was mich im Zusammenhang mit der Clan-Romantik, artgerecht und ähnlichen Gedanken der Attachment-Parenting-Bewegung außerdem stört, erfahrt ihr in meinem nächsten Artikel.

Was denkt ihr darüber?

 

 

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5 Comment

  1. Reply
    Martin
    29. September 2016 at 16:21

    Liebe Ida, der Begriff Clan ist in der Tat nicht ganz passend. Die Sache an sich finde ich aber sehr gut (du wohl auch). Trotzdem finde ich den Begriff nicht ganz schlecht – auch wenn er falsch ist – gerade weil er etwas schräg ist und damit andeutet, dass es eben nicht einfach „Freunde“ oder „Nachbarn“ (o.Ä.) meint. Meine Gedanken dazu hier — > https://marthori.wordpress.com/2015/08/02/von-doerfern-und-clans/ Martin…

    1. Reply
      Ida
      29. September 2016 at 17:01

      Gegen die Verwendung habe ich auch gar nichts – ich finde ihn nur irgendwie nicht so optimal gewählt. Danke für den Link!

  2. […] meisten hat euch offenbar mein kritischer Artikel zur „Clan-Romantik“ beschäftigt. Darin erzähle ich euch, warum ich den Ausdruck „Clan“ in Bezug […]

  3. […] kann nicht leugnen, dass mich die „Clan-Romantik“ in der Attachment-Parenting-Bewegung, die ich in meinem letzten Artikel beschrieben habe, immer und […]

  4. […] ich glaube, dass wir als Eltern vor allem eines brauchen und das ist Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, durch die wir Unterstützung erfahren. Denn ganz gleich wie unser Leben in […]

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