Bodyshaming, lästern und die Nido

Heute ging ein Aufschrei durch die sozialen Netzwerke – und zwar wegen dieses Artikels in der Zeitschrift Nido. Darin erzählt ein Vater (oder eine Mutter?), dass er gern mit seiner Tochter lästere. Zum Beispiel über „Dicke“. Und dass er wisse, dass das schon irgendwie blöd sei – aber dass er ja einfach nur „ehrlich“ sei. Er fühle sich durch das Lästern einfach so verbunden mit seiner Tochter.

Mich lässt dieser Artikel nicht nur sehr ratlos, sondern auch empört und erschrocken zurück. Lästern als gemeinschaftsstiftend, als bindungsschaffend zu beschreiben macht mich nicht nur sprachlos sondern auch wütend.

Werte? Hm. Nö.

Ist das altbacken? Nach Werten zu fragen? Nach etwas zu suchen, was eine Gesellschaft zusammenhalten kann? Was unsere Kinder durchs Leben tragen kann?

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Ich glaube nicht. Aber offenbar sieht das nicht jeder so. Sich über Werte und Charakter Gedanken zu machen, ist allerdings auch anstrengender als sich an Äußerlichkeiten durchs Leben zu hangeln. Dafür muss man den Kopf nämlich gar nicht einschalten.

Bodyshaming ist gesellschaftlich tief verankert

Wie oft habe ich mich in meinen Schwangerschaften gefragt, warum mir beschwichtigend gesagt wurde: „Das geht alles wieder weg!“ – obwohl ich mich nie über meine Schwangerschaftspfunde beschwert habe. Wie verwirrt war ich, als mir ein Herr tröstend sagte: „Naja, du bist schwanger, da kannst du nicht erwarten, dass du gut aussiehst!“ als ich ihm lachend meine geschwollenen Füße zeigte.

Ich fand eigentlich, dass sie lustig aussahen. Er wohl nicht so.

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Es scheint irgendeine Art Kunstbild zu geben, das vorgibt wie wir alle auszusehen haben. Und obwohl niemand so aussieht, fühlen sich doch viele schlecht, weil sie eben sie selbst sind.

Und dabei ist Schönheit alles – aber nicht stereotyp

Weil Schönheit im Auge des Betrachters liegt – aber diese Ansicht scheint wohl zu romantisch für diese Gesellschaft zu sein. Zumindest für Eltern, die sich mit ihren Kindern dann verbunden fühlen, wenn sie über andere lästern können.

Ob das für eine stabile Eltern-Kind-Bindung spricht? OK, lassen wir das. Die Frage war rhetorisch.

Aber jetzt ein paar ganz persönliche Worte

Lieber in-der-Nido-Artikel-schreibender Vater,

in einigen Wochen wird sich etwas in meinem Gesicht verändern. Solltest du mir eines Tages über den Weg laufen, wirst du dort eine große Narbe sehen. Eine sehr große Narbe. Gut sichtbar. Und vielleicht wirst du dann mit deiner Tochter vielsagende Blicke austauschen. Vielleicht wirst du mit ihr über diese Narbe lästern wollen.

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Und weißt du was? Nur zu! Lästere darüber! Wenn ich damit der Beziehung zwischen dir und deiner Tochter auf die Sprünge helfen kann – gern geschehen! Aber vielleicht nimmst du dir einen kurzen Moment Zeit und guckst mich genauer an. Dann siehst du nämlich wie erleichtert ich dann bin. Erleichtert darüber, dass da dann diese Narbe ist und nicht mehr das, was da jetzt noch ist.

Denn jede Narbe hat eine Geschichte

Und auch jede missglückte Frisur, jede „korpulente“ Figur – und überhaupt alle Menschen. Und glaube mir, diese Geschichten sind so viel spannender als das Äußere, das du auf den ersten Blick sehen kannst.

Und irgendwie wäre es doch schön, wenn deine Tochter sich in ihrem Leben für genau diese Geschichten und die Menschen dahinter begeistern könnte – und nicht ihren Kopf ausschalten würde, bevor sie ihn überhaupt richtig eingeschaltet hat. Oder?

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4 Comment

  1. Reply
    Sarah
    22. März 2017 at 12:54

    Oh Ida, so viele tolle Worte!!! Vielen Dank!! Du spricht mir ins Herz und aus dem Herzen!!

    1. Reply
      Ida
      22. März 2017 at 20:51

      Wie schön! Das freut mich.

  2. Reply
    Mother Birth
    24. März 2017 at 20:14

    Liebe Ida,

    ganz wahre Worte hast du gefunden und mir damit aus dem Herzen gesprochen <3
    Danke!

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    1. Reply
      Ida
      31. März 2017 at 20:07

      Das freut mich zu hören! Bitte entschuldige die späte Antwort, im Moment ist so viel los…
      Ganz liebe Grüße
      Ida

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