Unser Bild vom Kind bestimmt, wie wir mit ihm umgehen

„Ein bisschen Stänkern schadet doch nicht!“ rief vor einigen Monaten eine Frau mittleren Alters, als ihr Mann von einer energischen Großmutter zurechtgewiesen wurde, da er es offensichtlich witzig fand ihr Enkelkind zu piesacken.

Bei solchen Sätzen wird mir unwillkürlich ganz kalt. Ich fange an zu frösteln und gleichzeitig beginnt es in mir zu brodeln. Und ich denke:

„Oh doch: Stänkern schadet wohl!“

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Wie wohl die sehr sorgfältig zurechtgemachte Dame mittleren Alters reagieren würde, wenn jemand sie piesacken würde? Aber das scheint gar nicht so wichtig zu sein. Immer wieder begegnen mir Menschen, die in Kindern keine vollwertigen Menschen zu sehen scheinen. Das erschreckt mich zutiefst und ich kann mir diese Haltung auch nicht erklären.

Viele Generationen lang herrschte in unserer Kultur ein Menschenbild vor, dass uns Kinder als eine Art leeres Gefäß betrachten ließ, welches wir mit Bedacht zu füllen hätten. Das, was wir in unsere Kinder „hineinfüllten“, würde am Ende der Kindheit ein gewisses Resultat erbringen.

Unser Bild vom Kind bestimmt, wie wir es behandeln

Diese Vorstellung von Erziehung und dieses Menschenbild ist nach wie vor in unserer Gesellschaft verbreitet – nicht nur unter Urgroßmüttern und Damen mittleren Alters, auch junge Eltern teilen diese Sichtweise zum Teil noch immer. Wissenschaftlich halten lässt sich diese These allerdings nicht.

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Jedes Kind, das auf die Welt kommt, ist bereits ein vollwertiger Mensch. Und ein vollständiger Mensch. Ein Mensch mit legitimen Bedürfnissen, ein Mensch der neugierig oder auch zurückhaltend in Kontakt mit seiner Umwelt tritt. Ein ganz individuelles Wesen. Dieser Mensch sollte von uns respektiert und geachtet werden, er sollte ernstgenommen werden und wir sollten nicht versuchen ihn zu formen oder zu füllen.

Lassen wir uns die Zeit, diesen Menschen kennen zu lernen, von ihm und mit ihm gemeinsam zu lernen. Und lassen wir ihn im Gegenzug von uns lernen. Als allererstes, dass man die Grenzen anderer respektiert und Rücksicht darauf nimmt. So wie jene eingangs beschriebene Großmutter das auch für ihr Enkelkind eingefordert hat.

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0 Comment

  1. Reply
    sonnenshyn
    26. August 2016 at 19:09

    Sehr, sehr schön geschrieben. Ruft mir mal wieder in’s Gedächtnis, das Kind Kind sein zu lassen.
    Danke.

    Sonnige Grüße.

    1. Reply
      Ida
      26. August 2016 at 22:44

      Danke für die Rückmeldung. Das bedeutet mir gerade bei diesem Artikel viel, denn ich habe wegen ihm schon böse Kritik zu hören bekommen…

      1. Reply
        sonnenshyn
        26. August 2016 at 22:47

        Ach echt? Das kann ich gar nicht nachvollziehen. Finde den Artikel sehr passend und wahr.

        1. Reply
          Ida
          26. August 2016 at 22:50

          Das sieht leider nicht jeder so…

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