Ist der Begriff „artgerecht“ im Attachment Parenting kritisch?

Ich kann nicht leugnen, dass mich die „Clan-Romantik“ in der Attachment-Parenting-Bewegung, die ich in meinem letzten Artikel beschrieben habe, immer und immer wieder wurmt. Mir scheint, dass das nur ein Symptom einer gewissen „Zurück zum Ursprung“-Bewegung ist, die versucht mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen herauszufinden, wie der Mensch am besten leben soll, wie er am besten seine Kinder groß ziehen soll und was am ehesten seiner Natur entspricht. Wie der Mensch „artgerecht“ lebt.

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Versteht mich nicht falsch – ich bin Teil der Attachment-Parenting-Bewegung und zutiefst von ihr überzeugt

Aber so sehr ich von den Zielen des Attachment Parenting begeistert bin – dieser Teil der Bewegung stößt mir sauer auf. Denn in der Argumentation werden so viele Gesichtspunkte übersehen:

  1. Der Mensch ist kein reines Naturwesen (wie ein Tier), sondern ein Kulturwesen.
  2. Für den Menschen gibt es keine „artgerechte“ Art zu leben, da sich der Lebensraum des Menschen nicht auf ein bestimmtes, begrenztes Habitat beschränkt (oder jemals beschränkt hat), stattdessen ist der Mensch in der ganzen Welt zu Hause ist und kann unter höchst unterschiedlichen Bedingungen leben.
  3. Die Orientierung an der Lebensweise der Naturvölker trägt zum Teil stark  eurozentristische Züge.

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Was genau ist also meine Kritik?

Der Mensch ist ein Kulturwesen. Im Gegensatz zum Tier haben alle Menschen eine Kultur – auch Naturvölker leben ein Leben nach den Richtlinien ihrer Kulturen und nicht (wie Tiere) nach ihren Instinkten. Unter anderem aus diesem Grund aber auch aus dem Grund, dass der Mensch in der ganzen Welt zu Hause ist und nicht nur in der Savanne (wie der Löwe), in der Arktis (wie der Eisbär) oder in den Weltmeeren (wie der Blauwal) beheimatet ist, ist die Frage nach einer artgerechten Lebensweise des Menschen haltlos.

Artgerechtigkeit bedeutet, dass die Lebensweise sich an den natürlichen Bedingungen orientiert. Die natürlichen Bedingungen in der Arktis, in der afrikanischen Savanne, der australischen Wüste, einer Südsee-Insel, der Nordsee-Küste oder dem Himalaya sind aber grundlegend verschieden. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig und kann sich auf die Bedingungen seiner Umwelt gut einstellen.

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Mit „artgerecht“ wird oft einfach bedürfnisorientiert gemeint – aber die Verwendung des Befriffs sehe ich sehr kritisch

Oft wird der Begriff „artgerecht“ verwendet, wenn es um die existenziellen Grundbedürfnisse von Babys geht – Nähe, Nahrung nach Bedarf, Schlaf nach Bedarf, etc. Und diese Grundbedürfnisse sind tatsächlich universell. Und auch die existenziellen Grundbedürfnisse eines Erwachsenen sind höchstwahrscheinlich universell. Die Art und Weise wie wir diese befriedigen (können), sieht allerdings dennoch sehr unterschiedlich aus. Weil unsere Umgebung so unterschiedlich aussieht. Und das ist nicht unbedingt ein Problem.

Das eigentliche Problem ist, dass die Betrachtung der Naturvölker und ihrer Lebensweise an Eurozentrismus kaum noch zu überbieten ist

Einige Anhänger der Attachment-Parenting-Bewegung sehen die Art und Weise, wie Naturvölker ihre Kinder behandeln bzw. ihre Art zu leben, als artgerechte Lebensweise des Menschen an. Aus den oben genantnen Gründen finde ich das nicht nur widersprüchlich, sondern auch sehr heikel, denn diese Sichtweise ist an Eurozentrismus kaum noch zu überbieten.

Die Grundannahme ist nämlich, dass Naturvölker naturgemäß leben. Das aber spricht ihnen jegliche Kultur ab. Und das ist falsch. Außerdem ignoriert diese These die Tatsache, dass es Naturvölker auf allen Erdteilen gibt (oder zumindest gegeben hat) und diese nicht nur höchst unterschiedlich lebten, sondern auch ihre Kinder höchst unterschiedlich groß zogen.

Es gibt nicht „die“ Naturvölker. Sie sind so vielfältig in ihrer Lebensweise, ihrer Kultur und ihrer Art mit ihren Kindern umzugehen, wie der Rest der Welt.

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Was ich euch damit sagen möchte?

  1. Sucht euch Gemeinschaft mit anderen Familien, mit denen ihr gut zusammenpasst. Dabei ist ganz egal, ob ihr verwandt seid (Clan), die gleiche Herkunft habt (Clan), die gleiche Muttersprache habt (Clan) oder ob ihr euch einfach nur  gut versteht und ergänzt (Gemeinschaft) – zu diesen Gedanken lest gern auch meinen letzten Artikel
  2. Findet euren eigenen Weg als Familie. Lasst euch von denen inspirieren, die Wege gefunden haben, die auch für euch passen könnten – aber versucht nicht den einen richtigen Weg für die ganze Menschheit zu finden (artgerecht). Den gibt es nicht.

Versteht mich nicht falsch, ich predige hier keinen Relativismus. Ich denke, dass es richtige und falsche Entscheidungen gibt. Bessere und schlechtere Wege. Ich denke, dass es nicht egal ist, was wir tun und wie wir es tun. Aber ich denke, dass die richtige Entscheidung und der gute Weg immer eine ganze Menge Spielraum lassen.

Wie seht ihr das?

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