Ist Attachment Parenting hedonistisch?

Unsere Kinder wachsen im Sinne des Attachment Parenting auf – uns ist wichtig, dass sie eine gute und stabile Bindung zu uns haben, dass sie uns vertrauen können und sich bei uns geborgen fühlen. Für den Begriff “Attachment Parenting” gibt es im Deutschen mehrere Übersetzungsmöglichkeiten: Bindungs-, bedürfnis- oder auch beziehungsorientierte Elternschaft.

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Und an diesem Punkt setzt unsere Frage an.

Wenn ich mich an den Bedürfnissen meiner Kinder orientiere (und auch an unseren als Eltern!) und als Ziel habe, dass es uns allen möglichst gut geht – ist das dann hedonistisch?

Ich glaube, diese Frage lässt sich weder ganz klar mit “Ja!” noch eindeutig mit “Nein!” beantworten. Denn wie Attachment Parenting in der Praxis aussieht ist von Familie zu Familie sehr unterschiedlich. Und außerdem wäre zunächst zu klären, was denn genau unter Hedonismus verstanden wird.

In der Antike wurde der Begriff Hedonismus nämlich durchaus nicht so negativ verstanden wie heute – im Laufe der Zeit hat sich die Konnotation verändert. Hedonismus wird als “Leben nach dem Lustprinzip” verstanden. Das bedeutet also, dass ich mein Leben so ausrichte, dass es mir möglichst angenehm ist. Das ist sicher nicht per se egoistisch, kann aber sehr schnell egozentrische Züge annehmen.

Aber ist das gleichbedeutend mit Bedürfnisorientierung?

Was heißt denn überhaupt Bedürfnisorientierung? Bedeutet das, dass ich den Anspruch erhebe, dass jedes meiner Bedürfnisse (sofort) erfüllt werden muss bzw. das das Ziel meines Lebens ist? Nein. Uns zumindest geht es um etwas ganz anderes.

Um Kindern die Entwicklung einer sicheren Bindung zu ermöglichen, müssen sie erfahren, dass sie uns vertrauen können. Und das erfahren sie über die Erfüllung ihrer Bedürfnisse – auf diese Weise spüren sie, dass wir sie wahrnehmen, dass wir sie ernst nehmen und dass wir für sie da sind. Das schafft Vertrauen und ermöglicht eine gute und sichere Bindung.

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Wünsche und Bedürfnisse sind nicht das gleiche…

Das bedeutet jedoch nicht, dass mein Kleinkind (oder größeres Kind) jedes Mal ein Eis bekommt, wenn es das möchte, unbegrenzt Schokolade essen darf oder fernsehen kann, wann immer es möchte. Es gibt einen Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Hinter Wünschen stehen Bedürfnisse und als bindungsorientierte Eltern gehen wir achtsam mit den Wünschen unserer Kinder um. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Davon abgesehen bedeutet Bedürfnisorientierung für uns auch nicht, dass das Wohlergehen all unserer Familienmitglieder das oberste Ziel und der höchste Wert unseres Lebens sind. Unser Wohlergehen ist wichtig, aber es ist nicht alles. Und wir sind nicht als Menschen auf diese Welt gekommen nur um dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Es ist wichtig, dass es uns gut geht – aber es ist nicht alles.

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Bedürfnisorientierung führt uns zu einer verantwortlichen Haltung der  gesamten Schöpfung gegenüber

Neben unserem achtsamen und bindungsorientierten Weg miteinander als Familie, vermitteln wir unseren Kindern noch eine ganze Reihe anderer Werte, die uns ebenfalls wichtig sind. Es ist nicht nur wichtig, dass es uns selbst gut geht – wir tragen auch die Verantwortung für andere Menschen, für unsere Umwelt und sollten deshalb nicht nur für uns selbst, sondern für die gesamte Schöpfung sorgen.

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Unser Weg als Familie erschöpft sich nicht in Bedürfnisorientierung – sie ist ein wichtiger Teil unseres Weges, aber sie führt uns weiter. Sie führt uns zu einer Haltung der Verantwortlichkeit gegenüber der Welt, die uns weit weg führt vom Hedonismus.

Wie ist das bei euch?

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2 Comment

  1. Reply
    Natalie
    15. November 2016 at 15:59

    Hallo Ida,
    Das ist das ewige Missverständniss. Bedürfnisorientiert wird mit maßlos verwöhnt verwechselt oder gleich gesetzt.
    Jenseits des Babyalters gehe ich ganz bestimmt nicht mehr auf jede Regung des Kindes ein, sondern traue ihm zu, in manchen Situationen sich selbst zu helfen, zum Beispiel aus der Langeweile zu kommen, in altersentsprechenden Rahmen Wege allein zu gehen, zu radeln, sich eine kleine Mahlzeit zuzubereiten etc.
    Denn ich halte das echte Bedürfnis nach Lernen, nach Selbstständigkeit für wichtiger als die vordergründige Bequemlichkeit des Kindes. Meine Verantwortung ist es die Balance zu finden, wo ich dem KInd Wachstum ermögliche und wo ich es überfordere.
    Also Hingucken, versuchen die echten Bedürfnisse zu spüren und nicht den Süßigkeitenhunger, der eigentlich Langewile, Müdigkeit oder Überforderung heißt.
    Und je älter sie werden, desto doller auch das Bedürfnis nach Konflikt, nach Abgrenzung, das heißt es dann knallhart Stellung beziehen – ohne Demütigung und Beleidigung. Gerade auch bei Ökothemen (wieviele Vollbäder braucht eine 15 jährige pro Woche?) wirds bei uns schon mal richtig spannend.
    Oder dass ich nicht jede in im Sweatshop hergestellte Klamotte kaufe …
    Nein Bedürfnisorientierung ist zumindest für die Erziehenden kein Leben nach dem Lustprinzip, sonden etwas recht verantwortungsvolles in die Zukunft gerichtetes.
    Finde ich.
    Natalie

    1. Reply
      Ida
      16. November 2016 at 00:02

      Genau! Deswegen unterscheide ich immer zwischen Wünschen und Bedürfnissen.
      Und Bedürfnisse haben ja eben auch Eltern und nicht nur Kinder!

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